Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1867-1868)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1867)
- Article
- Aus der Residenz
- Date
- 1867-12-01
- Page
- 98 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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98 Aus bet Residenz. ein. Wahrheit hättest du gesprochen, haltest du uns gesagt, denn eben wo Gedanken fehlen, da stellt ein Wörterbuch z׳r rechten Zeit sich ein. Ja, ein ganzes Wörterbuch wurde über mich auögcichüttet. Kaum wollte ich in einigen Worten znsammcngenommen einen irgendwie verständlichen Sinn gefunden haben, da auf einmal war wieder ein anderer Wortcomplcx da. Hurtig mit Donncrgepolter entrollte dem Munde des Redners wie bei einem Wasserfall eine Woge über die andere. Ich schnappte nach Luft, הושיעני כי באו מים ער נפש‘ Nun ja, da kam Rettung. In der Verzweiflung hatte ich nämlich durch eine rasche Bewegung meinen Kopf von dem Redner ab und meinem Begleiter zugewandt, und dies war mein Glück. Da sah ich nämlich das Antlitz meines Freundes strahlend in Wonne; mit seinem geöffneten Munde schien er die Worte einzuschlürfen, seine Augen waren noch einmal so groß als sonst, cs war wie ein Feuerglanz über ihn anSgebreitet. Ich sah mich um, es umgaben mich nur Gesichtet, welche dasselbe ausdrücktcn was ich in der wonnebestrahlten Physiognomie meines Freundes las, mein? Verzweiflung legte sich, ich war gerettet. Aber Zorn hatte die Stelle der Verzweiflung eingenommen, heftiger Zorn gegen mich selbst. Wie, sagte ich zu mir, wird deine Eitelkeit, dein Dünkel sich so weit vergehen, daß du dich für den einzigen Weisen in einer Versammlung von Narren hieltest. Siehst du nicht, daß die Sache sich gerade umgekehrt verhält? Welche Stufe von Unverschämtheit bleibt zu ersteigen dir noch übrig, daß du dich gar unterstandest auch nur ein einziges Wort von den vielen verstehen zu wollen? Horst du nicht, daß jedes einzelne Wort Honigseim ist, und wenn dein verstocktes Trommelfell solches nicht empfindet, sind dann auch deine Augen mit solchem dicken Staat überzogen, daß du es nicht lesen kannst aus den leuchtenden Gesichtern deiner Umgebung, welche glänzen als wäre jedes derselben mit einer Schicht dieses Honigseimes bestrichen? So riß mich mein Zorn von der Verzweiflung loS, ich wurde Mensch unter Menschen; ich glaube auch mein Gesicht glänzte zuletzt. Genug, als nach der Predigt mein Freund sich zu mir wandte mit einem lakonischen ״Nun", anS welche« meine Gottlosigkeit mehr Rhetorik heraushörte als aus dir ganzen Predigt, konnte ich, ohne meiner Wahrheitsliebe irgend zu nahe zu treten, antworten: Ich danke Ihnen lieber Freund, daß