Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1867-1868)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1867)
- Article
- Aus der Residenz
- Date
- 1867-12-01
- Page
- 97 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Residenz. 91 Sie... — Sorgen Sie für mich nicht; meine Geschäfte gehen doch ihren Gang. Mein Commis weiß das schon. Jede vierzehn Tage eine Predigt ist nicht zu viel. Es überlicf mich zwar etwas eifig als ich den frommen Mann so sprechen hörte, aber, dachte ich mir, in —-kann man ja mit dem ganzen Schulchan Aruch gebrochen haben und doch noch ein sehr frommer Mann sein. Beruhigt war ich indessen noch lange nicht, und ich wollte eben wieder anfangen, als mein Freund, der etwas zu merken schien, mir zuvorkam mit den Worten: Glauben Sie denn, daß ich Sie zur Predigt hinführen würde, wenn ich nicht von der Ucbcrzcugnng durchdrungen wäre, daß Sie erbaut das Gotteshaus verlassen werden? Den mochte ich sehen, der bei einer solchen Predigt kalt bleiben könnte. Ich habe schon viele Predigten gehört, aber wo gibt es einen Prediger der dem unsrigen das Wasser reicht? — Diese Worte beruhigten mich einigermaßen, denn meine Anfälle von Schlafsucht werden nur durch gewöhnliche, id 68t schlechte Predigten hervorgerufen. Wir machten uns auf den Weg, und beim Gehen horte mein Cicerone gar nicht auf, die Vorzüge seines Predigers derart herauszustreichen, daß seine Worte, da sie wirklich aus seinem Herzen kamen, in mein Herz Eingang fanden; und er doch that was er vermeide» wollte, nämlich mir den Mund wässerig zu machen. Ach hätte er es nur vermieden! Wie gab es an dem Tage noch des Wassers genug! Wir traten in den Tempel ein, dessen Wände und Wölbungen eigentlich mehr spcicherähnlich waren, die Gebete wurden verrichtet, der Wochenabschnitt aus der Thora vorgelescn und dann gepredigt. Nein, an schlafen dachte ich wahrlich nicht. Dies war keine gewöhnliche Predigt, dies war eine so außerordentliche Predigt, wie außer an dieser Stelle noch nie eine gehalten worden ist. Es war mir als Ware ich in einer gro« ßen Spinnerei und hörte das Schnurren von tausend Spindeln, als hätten sich alle Bienen der Welt um meine zwei Ohren versammelt. Es sausten meine Ohren, es zitterte vor meinen Augen. Ich machte die vexzweifelsten Anstrengungen zu mir zu kommen, es war mir unmöglich; von der Kanzel herab wurde ich überschüttet mit Worten, mit einer Sindflnth von Worten, mit weiter gar nichts als mit Worten. O großer Göthe, du hast Unrecht wenn du sagst: denn eben wo Gedanken fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich