Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 12 (September 1867)
- Article
- Pädagogische Silhouetten
- Date
- 1867-09-01
- Page
- 422 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2932974-2932986-2950915--10789-2950956- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
224 Pädagogische Silhouetten. nimmt dann um so leichter eine verkehrte Richtung, je ungebührlicher und unverständiger, je häufiger und größer Zwang und Vielregiererei und je weniger die Erziehung auf Erweckung einer bewußtvollen Selbstbestimmung gerichtet ist. Und andererseits, weil die Entfaltung seines Willens unter dem Joche einer drückenden Herrschaft verkümmert, erlahmt die stitltche Willenskraft an ihrer Wurzel. Hier bleibt der Kreis des Wollens unbeschränkt; cs wird dem Willen des Kindes nirgends eine verständige Grenze gesetzt. Es kann wollen und erreichen, wozu cs Neigung und Begierde treibt. Also auch hier erfreut sich der Wille des Kindes keiner sittigenden Leitung. Folgeleistung, Ueberwtndung, Hingebung — ja wohl, das Kind kennt sie, nur aber von Seiten Anderer seinen Wünschen gegenüber. Was Wunder, wenn dann freilich die Selbstüberhebung, die Herrschsucht und der Dunkel und durch sie die Rachsucht, der Eigensinn und Trotz, die Genußsucht und die Harte — die ganze Legion jeuer zahlreichen Parasiten von Lastern und Untugenden, die den Menscheu um die schönsten Blüthen seines Lebens, um die besten Früchte seines Daseins bringen, früh schon leichten, widerstandlosen Einzug in das Innere des Kindes halte»! Mit jedem unverständigen Nachgeben, mit jeder Erfüllung eines Wunsches, welche Eltern sich von dem Kinde haben abtrotzen lassen, machen sie sich darum des großten Berbrechens gegen das Kind und gegen Den schuldig, der ihneu die Menschenscele zur Bildung und Erziehung anvertraut und der einst Rechenschaft fordert; — sie haben damit selber den Spateustich gcthan zu dem Grabe der Sittlichkeit ihres Kindes. Sehen Sie, so zeitigt auch diese Erziehungsweise keinen Gehorsam — un darin liegt Alles; wie jene so gicbt auch sie der Hebung und Erstarkung der sittlichen Willenskraft keine Gelegenheit und keinen Raum. Ungeübte Kraft aber schwindet. — Daher kommt's daß sich beide Erziehungsweisen in den Folgen nicht wesentlich UNterscheide». — Aber noch mehr. Sie haben beide eine gemeinsame Wurzel, wie ich Ihnen schon bemerkte —: Selbstliebe! Dort usnrpirt der Egoismus die Stelle der Erziehung — hier nicht minder. Dort treibt Egoismus zu Drohung und Zwang und hier zum Nachgeben und Gewährenlassen. — Nicht immer, ja selten wohl, ist es geradezu Lieblosigkeit, die Eltern nach dem Prototyp jenes Vaters stets drohend gebieten läßt — aber stets Selbstliebe! Er ist nun einmal