Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 6 (März 1867)
- Article
- Die fünfzehn altjüdischen "Aufwärts"-Lieder
- Date
- 1867-03-01
- Page
- 185 (sequence 5)
- Language
- German
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11. Die Schuld. 185 Saaten der Schuld und des Unsegens, mit denen die Sünde des Menschen den Acker seiner Zukunft bestellt, nickt aufgehen, und den in Sünden Ergrauten die Reinheit und den Frieden wiedergewinneu lassen. Nur Er kann verzeihen, und er hat es dem jüdischen Bewußtsein verbürgt, daß Er verzeihe. Das ganze Dasein des jüdischen Volkes steht auf der Thatsache dieses unmittelbaren gvttlichcn Verzeihens, und giebt ihm bis in die tiefste Tiefe unverlierbar das Bewußtsein von dieser stets zu findenden göttlichen Bergebung mit hinab. Keines Tempels und Altares, keines Priesters und Opfers bedurfte es, es genügte die sich selbst richtende Zerknirschung, um Israel aus der, Vernichtung drohenden, größten seiner Verschuldüngen zu erlösen, es aus den Folgen jenes ״dies sind deine Götter, Israel!" unmittelbar am flammenden Sinai, der ihm das ״du sollst keine anderen Götter neben mir haben!" in die Seele gerufen, frei zu machen, und es einer neuen Zukunft wieder zu geben. Es komme nur der Mensch und das Volk wieder vor seinen Gott mit neuen, unbeschriebenen Tafeln und erbitte sich auf die neuen Tafeln das alte Gottesgesetz, dessen Tafeln seine sündhafte Vergangenheit zerbrochen, und mit dem alten Gesetz auf den neuen Tafeln kehrt auch die alte Gottesgnade wieder, und ist barmherzig und gnädig, voller Langmuth und Huld und verzeiht und verzeiht, und wird nicht müde zu verzeihen, und schreibt dem Menschen immer wieder das alte Gesetz auf neue Tafeln, bis an der Hand dieser erziehenden Gottesliebe der Mensch und das Volk endlich unverlierbar Gottes Eigenthum werden — Die Tafeln und die zerbrochenen Tafeln liegen in Gottes Zeugniß-Lade, und der große jüdische Gottestag der Versöhnung ist nichts als eine ewige Erneuung jenes ersten großen Tages, an welchem mit dem alten Gesetz auf den neuen Tafeln Israel das Unterpfand der immer neu zu findenden Gottesgnade ward — Darum ist auch die von gewisser Seite geflissentlich genährte Vorstellung irrig, und so tendenziösschlau als irrig, als hätte das Galuth-Jsrael mit seinem Tempel auch seine Schulderlösungshoffnung verloren und wandere nun erlösungsarm und trostesbar auf Erden. Seinen Tempel hat es verloren, sein Gott und dessen Gesetz ist ihm geblieben und harret in jedem Augenblicke sein, ihm für eine volle Zukunft seines alten Gesetzes auch die volle Fülle