Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 2 (November 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-11-01
- Page
- 64 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Risse. faßt, daß ich dich bewundert habe und nun mit einem Mal — ist ihr etwas geschehen?" wandte sie sich fragend an ihren Schwiegersohn und Frtedheim. Beide verneinten. ״Aber um Gotteswillen Kind, so höre doch auf zu weinen, du wirst dich noch krank machen." ״Lassen Sie sie weinen," bat Viktor, während ihm selbst Thränen in die Augen traten, ״es thüt ihr wohl, daß sie endlich weinen kann." Frau Schwarz sah ihn verwundert an und schüttelte den Kopf, ״Sie wird sich die Augen verderben und wird morgen nicht im Stande sein den Kopf zu bewegen; ich weiß das ja von mir selbst. Vorgestern, beim Ableben meines lieben seligen Mannes," — sie drückte wieder ihr Tuch an die Augen — ״da habe ich auch so fürchterlich weinen müssen, gerade wie Rosa jetzt und gestern habe ich dafür nicht aus dem Bette können — Aber Rosa, ich habe darüber staunen müssen, nicht eine Thräne hat sie vergossen und ich weiß doch, sie hat den seligen Vater sehr lieb gehabt — Aber wenn sie da schon nicht hat weinen müssen, so könnte sie es doch gewiß auch jetzt lassen — Ich bitte dich liebe Rosa, sei ruhig, thüt dir nicht der Kopf schon weh, Kind?" Viktor hatte viel Mühe die gute Dame zu beschwichtigen, und es gelang ihm endlich nur dadurch, daß er über Hunger und Müdigkeit klagte und sie hiedurch veranlaßte an seine Bewirthung Zu denken. ״Ach bu lieber Gott! Daran hatte ich ganz vergessen, ich bitte Sie lieber Viktor, nehmen Sie es nicht übel, aber der Schmerz über den Tod meines geliebten Mannes hat mich ganz confus gemacht." .׳ Und hinaus eilte sie um das Versäumte nachzuholen. Friedheim folgte ihr, mit seinem gewöhnlichen Zartgefühl, die Gatten allein lassend. Nun erst wandte sich Viktor mit leisem sanften Zuspruch au Rosa, die noch Zimmer heftig weinte. Er schob sich einen Sessel nahe zum Kanapee und in zärtlich beredten Worten sprach er fort und fort zu ihr. Erst weinte sie noch stärker, aber sie lauschte doch auf ' ihn, dann, nach und nach ward sie ruhiger und aümählig versiegten ihre Thränen.