Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 2 (November 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-11-01
- Page
- 61 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Von S... 61 Ein Sonnenstrahl glitt über den schlafenden Knaben und traf sein Auge, er erwachte — Ob wohl dieser Sonnenstrahl auch des Vaters Auge gestreift? — Vielleicht — aber wecken wird er ihn nimmer — Rosa mußte cs unwillkürlich denken und seufzte. Edmund wandte sich um und erblickte die Mutter. ״Mama," rief er freudig und sprang auf, doch da fiel sein Auge auf das blasse trauernde Antlitz und er entsaim sich des gestrigen Tages. Er legte den Arm seiner Mutter um seinen Hals und zog ihre Hand an seine Lippen. Rosa drückte die ihren auf die Stelle, auf die sie zuletzt des Vaters Hand gelegt. ״Mama, liebe Mama!" flüsterte Edmund und lehnte seinen Kopf an ihre Brust — Der Knabe litt schmerzlich, als er die Mutter so leiden sah, er hätte sie so gerne getroster. ״Mama," begann er nach einigen Minuten, in leisem bebenden Ton, ״bitte, sei doch nicht so furchtbar traurig, du könntest sonst vor Gram auch krank werden wie Tante Jda — und dann Mama, willst du nicht auch daran denken, daß wir doch dreimal täglich beten: gelobt seist du Gott, der die Tobten wieder belebt — und Groß- Papa —“ Er vermochte nicht weiter zu reden und brach in ein lautes Weinen aus. Rosa drückte den Weinenden fest an sich und mit ihren durchsichtigen kalten Händen streichelte sie ihm die Thränen überflutheten Wangen, zu sprechen vermochte auch sie nicht — Der Tag verstrtch düster und langsam. Rosa verbrachte ihn am Bette der Mutter, die bald weinte und klagte, bald der Tochter Ruhe bewunderte und sich selbst ermahnte an ihr ein Beispiel sich zunchmen. Sie sagte sich, auch sie müsse ihren Schuierz mäßigen, müsse sich zu fassen suchen, denn sie habe für gar Manches zu sorgen, was zur Ehre des theucrn Dahingeschiedenen nicht versäumt werden dürfe — Bald ließ sie Philipp rufen und ermahnte ihn ja nicht zu vergessen, daß.für schwarz geränderte Couverts und gleiche Oblaten gesorgt werde; bald erkundigte sie sich bei Louis, ob er auch schon einen schwarzen Flor um seinen Hut gewunden und dann beschwor sie beide, doch ja nichts zu versäumen, was das Andenken des theucrn Vaters ehren könnte, sie sei zu schwach, sie könne nicht an Alles denken, aber daß doch nur um des Himmelswillen beim