Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 2 (November 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-11-01
- Page
- 60 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Risse. auch nicht gelungen, ihn zu beruhigen, bis er sich endlich in Schlaf geweint hat." ״Armer Junge," flüsterte die Mutter und ein Schauder überfiel sie, als sie des Augenblicks gedachte, wo sie ihn zuletzt gesehen. Sie folgte dem Buchhalter in die untere Etage. ״Darf ich Ihnen eine Taffe Thee besorgen lassen?" fragte der alte Mann, indem er besorgt in Nosa's durchsichtig blasses Antlitz blickte, ״die Wirthschafterin ist noch auf und ich glaube sicher, Sie habe» seit Mittag nichts zu sich genommen." Rosa dankte, sie fühlte sich nicht im Staude auch nur das Geringste zu geniesten. Auf dem Sopha im grünen Zimmer fand sie ihren Edmund, im ruhigen Kinderschlaf, aber in seinen langen Wimpern hing noch eine Thräne und sein Athem ward zuweilen zum Schluchzen, wie das bei Kindern, die heftig geweint haben, zu sein Pflegt. Der Buchhalter schob leise ein Fauteuil zum Sopha, sie ließ sich in demselben nieder und bat den alten Mann sich nicht länger des Schlafes zu berauben. ״Aber wann werden denn Sie sich nicderlegen Madame Blum? Ruhe wäre Ihnen dringend zu empfehlen." Rosa seufzte schwer ״ich werde hier bleibe» und ruhen, zu schlafe» vermag ich doch nicht." Der treue Alte wollte Einwendungen machen und erbot sich den schlafenden Knaben hinauf in ihr Zimmer zu tragen, aber Rosa wehrte es und blieb bald mit ihrem Sohne allein — Träumerisch hingen ihre Blicke an dem jugendlich schönen Schläfer, der eben wieder schluchzte. Alle konnten weinen, Alle fanden Thränen, nur ihr Auge blieb trocken und doch litt keiner so wie sie — Die Nacht verstrich — Mit großen offenen Arigcn fast sie unbeweglich da, nur zuweilen entrang sich ein tiefer Seufzer der schmerzerfüllten Brust. Doch Schlaf und Thränen blieben ihr fern. Der Morgen brach an, Rosa blickte auf — wollte denn heute die Sonne scheinen? — Wohl erhellt der Sonnenstrahl manch gedrücktes, trauerndes Gemnth, aber bas wunde, noch blutende Herz fühlt nur tiefer seinen Schmerz, es kann cs kauin fassen, daß in der Natur, alles so ungestört sich zeigt, die dunkle Nacht drückt rS weniger, als der Helle, sonnige Tag —