Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-07-01
- Page
- 335 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2932754-2932961-2932972-2950173--10154-2950207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von S... 335 ״Unzufrieden durchaus nicht, aber Du siehst, wie die edelsten Handlungen mißdeutet werden können; doch will ich Dir nicht verhehlen, daß ich mich trotz dieses Scheines mich Deiner HandlungSweise innigst freue." ״Dank, lieber Vater, Dank." Jakob und Louis waren aus der Schule gekommen und sprangen herein, den Vater zu begrüßen; auch Friedhcim bewillkommte den Hausherrn. Man setzte sich zu Tische, die lebhafteste Unterhaltung würzte das Mahl. Alle waren heiter und guter Dinge. Die Knaben konnten sich jedoch nicht lange aufhalten, sie hatten noch vor Beginn der Schule eine Talmubstunde und begaben sich daher gleich nach dem Speisen mit ihrem Lehrer auf ihr Zimmer. Die Uebrigen blieben noch am Tische, den schwarzen Kaffee einzunehmen. ״Aber, Papa", begann endlich Philipp, den es verdroß, daß sein Vater gar nichts bemerken zu wollen schien, ״Du hast ja Mama's neuen Scheitel noch gar nicht bewundert." ״Hast Du einen neuen Scheitel? ja wirklich, der ist ja in der That ganz ausgezeichnet schon; würde ich nicht mit Bestimmtheit wissen, daß cs ein Scheitel, ich würde darauf schwören, es wäre Dein eigenes Haar." Philipp brach in ein lautes wieherndes Gelächter aus; Rosa war leichenblaß geworden, Viktor befürchtete eine Ohnmacht und rasch einen Vorwand findend, geleitete er sie sorgsam aus dem Zimmer. Die Eltern bemerkten es nicht, Philipp lachte noch immerunaufhaltsam fort. ״Was Papa doch für ein herrliches Gesicht hat; willst Du denn nicht darauf schwören Papa, willst Du's nicht?" Der Vater warf ihm einen unwilligen Bltll zu: ״Aber worüder lachst Du denn eigentlich? weißt Du's nicht, an vielem Lachen erkennt man den Thoren." ״Nun der bin ich wohl gerade nicht; ich weiß doch, waS ich sehe und halte nicht natürliches Haar für eine Perrücke." Herr Schwarz wußte nicht, waS er von dieser sonderbaren Antwort halten sollte; aber er beugte sich näher zu seiner Frau und betrachtete ihre Frisur aufmerksamer. ״Marianne, um Gottcswillen, was sehe ich?" ״Nun doch wohl nichts, worüber Du so zu erschrecken brauchtest, Lieber," und sie lächelte ihm freundlich zu.