Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1866)
- Article
- Jüdische Kalender-Phantasien
- Date
- 1866-07-01
- Page
- 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Jüdische Kalender-Phantasien. müden Leser über die Last müsstger Stunden hinüber zu helfen. Zu heilig war gleichzeitig die Aufgabe des Lebens und zu hoch stand ihnen das Mittel zu deren Losung, die Zeit, im Preise, als daß sie überhaupt nur den Gedanken eines ״Zeit tödtende»" MediumS zulassen konnten. Auch ihre Unterhaltungsmuße wird auf dem Felde des Gedankens verwerthet, und ein Blick auf das, was uns davon in Agada und Midrasch überkommen ist, lehrt die Wahrheit des Wortes, daß auch ״die gewöhnliche Unterhaltung der Wetsm des Studium's so werth als bedürftig sei." Zu. einem Volk von Denkern hat der Schöpfer der jüdischen Nation uns heranbilden und erziehen wollen; nur durch den ״Verstand", durch Verständniß und Erkenntniß des Wirklichen, und vermittelst der daraus geschöpften und darauf gegründeten Uebcrzcugung soll unser Herz, und damit die ganze Erndte unserer Thaten gcwonneu werden. Nur im Dienste des Verstandes kommt auch Phantasie und Abstraktion bei uns zur Geltung und kein unwahreres Wort ward je als das gesprochen, das auch den ״Geist des ebrätschen Volkes" als dem phantasiereichen Orient angehörig, a priori in das phantastische Btldungsstadium der menschlichen Geistesentwtckelung gedankenlos einschachtelt. Die Schriften, die den Kern unserer Nationallitcratur bilden und aus welchen sich der Geist unseres Volkes ganz eigentlich herausgebildet hat, enthalten keine Spur einer für die Phantasie schöpferischen Phantasie.. Selbst die außerordentlichsten, der Einbildungskraft die reichste Nahrung und den weitesten Spiel-׳ raum eröffnenden Ereignisse und Wahrnehmungen erzählen und schildern sie. nüchtern wie das Alltägliche für die reine Auffassung des Verstandes, und wo ihre Rede zu einem Bilde greift, da׳ steht die sinnliche Anschauung selbst im Dienste des Begriffs, das Bild will nicht für die Phantasie malen, sondern dem Sinne des denkenden Geistes als Symbols als wahrhaftiges ״Sinn-Bild", einen Begriff, einen Gedanken, eine Wahrheit auf kürzer!» Wege und in. prägnanterer Fülle zuführen. Ja, die wahre jüdische Nationalweis-׳ heit weist alles jenseits der menschlichen Fassungskraft, alles lieber- und Außerirdische, alles jenseits der Zeit und des Raumes unserer kleinen zeitlichen und htniedigen Welt Liegende, wohin wohl eine von den Flügeln, der Phantasie getragene Vermuthung, nimmer aber das erkennende Menschcnverständniß sich zu versteigert vermöchte, geradezu aus dem Bereiche unserer Denkthätigkeit hinaus, und be-