Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1866)
- Article
- Jüdische Kalender-Phantasien
- Date
- 1866-07-01
- Page
- 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Kalender-Phantasien. 315 von denen ich sie noch ferne halten möchte, und nicht sich an Gegenständen heften, deren Berührung noch schmerzlich wäre. So. entstanden diese Kalender-Träumereien, von denen mir nur noch einige Blätter geblieben. Jetzt, wo sich Alle? mir heiter gelöst, sende ich sie euch gerne, als Andenken an jene Zeit der Sorge und des Zweifels, der Ermannung und des heitern Vertrauens aus den, der auch durch pfadlose Meere zu sicherem Hasen geleitet. Ob es wohl noch ein Volk gibt, dem Abbreviaturen, ״Rosche Thewoth," nur durch Anfangsbuchstaben angedeutete Worte zu lesen, so populär ist, wie das jüdische? Dies doch für Jedermann geschrtebene Büchlein, wie wimmelt es nicht von solchen für jeden Uneingeweihten völligen Buchstaben-Sphinxen! Unserem .ganzen Schriftthum sind diese Abkürzungen so gewöhnlich, daß bei einigen nicht unbedeutenden Werken unserer Nationalliteratur die ersten Herausgeber wegen Beschränktheit der Mittel sich sogar veranlaßt sehen konnten, fast die Hälfte der Worte nur abgekürzt zu drucken und so durch bedeutende Kostenersparniß die Herausgabe überhaupt zu ermöglichen. Diese vorausgesetzte und vorauszusetzende Uebung, Abbreviaturen zu lesen, ist aber für unsere ganze Geistesrichtung und für den Geist unserer Literatur nicht wenig charakteristisch.. Sie ist nur ein weiteres Stadium jener Fertigkeit, ohne Vokale, ohne Znterpunktion und Satzabtheilung zu lesen, die alle unsere älteren Schriftwerke voraussetzen. Beides fordert Leser, die sich sofort in den ganzen Jdeengang des Verfassers hinetnversetzen, mit der lebendigsten Hingebung dessen Gedankenoperattonen in sich schöpferisch nach erzeugen, und ihm somit gleichsam das Wort von dem Munde ablesen. Dem Leser solcher Werke muß immer der ganze Zusammenhang völlig gegenwärtig, müssen die Gedanken der Schrift seine eigenen gcwordensein, wenn ihm auch nur das einfache Lesen gelingen soll. Solche Schriften wollen wache, denkende Leser oder keine. Es ist dies aber auch vielleicht nur in einer Literatur möglich, in welcher sogenannte Unterhaltungs-Schriften nur einen fast völlig verschwindenden Platz einnehmen. Allen unfern Schriften ist der Ernst des Gedankens auf die Stirne geprägt. Zu heilig war unfern Männern des Geistes der Gedanke und das Wort, um beide an Erzeugnisse zu verschwenden, deren ganzer Werth darin bestünde, einem denk- und arbeit- 21*