Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1866)
- Article
- Noch ein Wort in Angelegenheit der Wahl eines Grand Rabbin von Frankreich
- Date
- 1866-06-01
- Page
- 290 (sequence 10)
- Language
- German
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290 Noch ein Wort in Angelegenheit der Wahl der Religion — und das ist doch eben gar nichts Anderes, als Kenntniß der Sache und Achtung der Sache, die versorgt werden soll — noch irgend wie in Betracht kommen. Hinsichtlich aller seiner College» gilt die unbegreifliche Anomalie, daß nur socialer Charakter, sociale Stellung, sociale Bildung bei ihrer Wahl Beachtung finden, irgend ein Maß religiöser Kenntniß, irgend ein Grad religiösen Charakters, irgend ein Etwas von religiöser, durchs Leben bewährter Religionstrene jedoch auch nicht mit dem Gewichte eines Skrupels deren Wahl bedingt. Es ist somit völlig dem Ungefähr überlassen, daß nicht dasSchicksal der jüdischen Religion in Frankreich einer Majorität von Männern überantwortet werde, die vielleicht nicht die leiseste Kunde von der jüdischen Religion besitzen, die vielleicht von dem herrschenden Geiste der oben geschilderten Zeitrichtung erfüllt, zu den ersten Verächtern der jüdischen Religion zählen, die vielleicht einem subjektiven Deismus huldigen und das Faktum der Offenbarung in das Bereich der Mythe verweisen. Und in einem solchen, hinsichtlich des religiösen Momentes völlig vom Zufall constituirtcn Collegium soll der zu Erwählende der Einzige sein, der die Standarte der Religion aufrecht Hallen, der mit seiner Kenntniß den Wissensmangel, mit seinem Eifer die Gleichgültigkeit, mit seiner Treue den Abfall, mit seiner Erlenchtung die Verirrung vielleicht aller seiner College» ersetzen, ja, mit seiner Standhaftigkeit das vielleicht der Religion verderbliche Vorgehen seiner College!, abwehren soll! Welch' eine» Mann von der seltensten Geistcsbegabnng, von ebenso seltener Charakter-Reinheit und Festigkeit, von gediegenstem Wissen in jüdisch-religiösem und allgemeinem Gebiete, von Glnth der Uebcrzeugnug, von Macht der Rede läßt nicht schon diese Eine Erwägung fordern, damit dieser Mann in seiner, so eigentümlich isoltrten Stellung allen den Kämpfen gewachsen sei, die seiner warten können, und mit der überzeugenden Gewalt seines Geistes und mit der siegreichen Macht der Wahrheit Sollegen zum Schutz und zur Förderung einer Sache Hinzureißen vermöge, der sie in ihrem Privatleben vielleicht gleichgültig und in ihren Privatüberzeugungen vielleicht abgewendet sein mögen. Wahrlich, es ist diese Stellung eine so prüfungs-, verhäugniß- und vcrantwortnngsvolle, daß wahrlich Keiner, der nicht die Seligkeit der Hinopfernng