Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1866)
- Article
- Noch ein Wort in Angelegenheit der Wahl eines Grand Rabbin von Frankreich
- Date
- 1866-06-01
- Page
- 286 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932961-2932971-2950128--10098-2950143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
286 Noch ein Wort in Angelegenheit der Wahl eonstituiren kann, ein schreckenerregendes Symptom eines krankha ften, illegalen Zustandes, der die besten Absichten des Gesetzes tüusorisch machen und in ihr Gegenthetl zu verkehren geeignet sein dürfte. In diesem Augenblick, in welchem das Gesammtgcschick des französischen Judenthums an dem Entschlüsse und dem Einflüsse der Centralbehörde hängt, rufe man den Geist des Sanhedrin auS dem Grabe und prüfe unter seiner Eingebung das religiöse Creditiv der Männer, die entscheiden sollen, und die Entscheidung die von ihnen zu erwarten steht. Es ist ja nichts Geringes um was es sich handelt. Sehen wir uns um in Frankreichs schönem Reiche, in welchem die Judenheit sich des herrlichsten Sieges der Humanität erfreut, von welchen Siegen weiß das Judenthum zu erzählen, z» welcher Blüthe hat es die bisherige Central-Leitung gebracht? Nach welcher Sette wir die Anforderungen der Religion betrachten, nirgends sinden wir einen Punkt, auf welchem der prüfende Blick mit Befriedigung zu ruhen vermöchte. Die Seele der jüdischen Religion ist reltgiöse Erkcnntniß. Zum Fackelträger für die Menschheit hat Gott Israel bestimmt; das Licht soll aber erst nach Innen leuchten, und Jung und Alt, Hoch und Niedrig, Alle sollen seines Lichtes thcilhastig sein damit Alle in seinem Lichte wandeln. Wo ist der religiöse Unterricht unserer Jugend, wo die religiöse Kenntniß unserer Alten? Wo sind die Sohne und Töchter unseres Volkes, für welche der herrliche Geistesschatz ihrer Nation nicht ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch ist? Wo sind die jungen und gereiften Seelen, die der Harfe eines David, die dem Feuerworte eines Jesaias, die der Weisheit eines Hillel und Gamaliel, eines Abajt und Raba, eines Maimontdes und Arama zu lauschen vermöchten, für welche auch nur die Sprache der jüdischen Weisheit und Wissenschaft verstündlicher als das Idiom der Huronen und Kamschadalcn wäre? Wo sind die religiösen Schulen für die Kleinen, die religiösen Lehr- Häuser für die Großen, in welchen Klein und Groß immer frisch und immer neu den Trunk der Erleuchtung und Begeisterung für eine Gotteslehre schöpfen könnten, für die zu leben und zu sterben der Herr der Geister sie bestellt? Und doch ist religiöse Kenntniß der Nerv des Judenthums und doch soll nicht ein jüdischer Priesterstand,