Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-05-01
- Page
- 266 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Risse. 266 dann trat er mit Rosa in die geöffnete Thür des Nebenzimmers, und es währte nicht lange, so war die Mutter an ihrer Seite. Die Knaben ließen sich nicht stören. Der Tisch war ihre Tribüne; ein hübscher Krauskopf von ungefähr fünfzehn Jahren mit großen dunkeln Augen hatte sie bestiegen, er sprach mit vielem Pathos, und gcftikulirte mit Händen und Füßen. Er schien sich schon inmitten einer Rede zu befinden. ״Ja, meine Herren," fuhr er fort, ״es läßt sich nicht in Abrede stellen, die Verhältnisse sind schwierig und die Unklarheit in religiösen Dingen ist eher im.Zunehmen begriffen, aber in dem Bewußtsein eines redlichen Willens gehen wir doch mit neuem Muthe an den Versuch, den reinen ewigen Inhalt des Judenthums für die Gegenwart auszuprägen. Wir wollen überzeugen, zur Wahrheit hinführen, nicht Bande und Fesseln auflezen. Nicht als geistliche Zwingherren treten wir zusammen, sondern als Männer, die mit den Urkunden und der Geschichte des Judenthums vertraut, vertraut^ auch mit den Anforderungen der Gegenwart und dem Geist der Zetten. An eine hochehrwürdtge Rabbinerversammlung erlaube ich mir daher folgende Anträge zu stellen. Dieselbe wolle erklären: ״daß obgleich nach mehr als tausendjährigem Begriff es ״als unerlaubt gilt, das Gut des Nächsten wider dessen ״Willen sich zuzueignen, es dennoch in manchen Fällen ״zu gestatten sei, dem unaufhaltsamen Drängen des Le- ״bens nachzugeben, selbst wenn dabei das achte Gebot ״übertreten werden sollte." Es bedarf wohl nicht erst einer weitläufigen Auseinandersetzung oder Erörterung, aller jener Fälle, in denen es eine Lebensfrage wäre, oben erwähntes Gebot zu berücksichtigen. Was soll zum Beispiel der von Schulden und Gläubigern bedrängte Familienvater beginnen, dessen ganzes Einkommen darauf ging, der geliebten Famtlie die Freuden der Saison zu gewähren? Wer wollte es ihm verdenken, wenn er die ihm anvertranten Gelder für seine Zwecke verwendet, wenn er seinen und der Seinen Lebensunterhalt dadurch bestreitet? Wer, frage ich, wollte ihn darob verdammen? — Wir ficherltch nicht, die wir durchdrungen sind von dem leuchtenden Glanz des neunzehnten Jahrhunderts und seinem milden liberalen Geiste. Ich beantrage daher: