Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-05-01
- Page
- 262 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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262 NM indessen auf sein, wie er glaubte, ausgezeichnetes Gedächtntß und begann mit gehobener Stimme, bald aber stockte er, machte Fehler über Fehler, worüber seine Brüder, die von ihrem Lehrer noch stets zum Gebete angehalten wurden, ziemlich ungentrt kicherten. Die Knaben begaben sich nun zum Spiel in's Nebenzimmer, wo noch mehrere Schulfreunde sich zu ihnen gesellten; die älteren Damen zogen sich auf ein im Hintergründe des Zimmers befindliches Kanapee zurück, und waren bald in leisem aber eifrigem Gespräch vertieft. Die klebrigen blieben am Tische; Rosa saß zwischen ihrem Verlobten und dessen Onkel; der alte Blum wollte sie immer in seiner Nähe haben, er nannte sie sein einziges Töchterchen und fühlte sich ganz glücklich, wenn sie ihm allerlei kindliche Aufmerksamkeiten erwies. ״Darf ich Dir die Pfeife bringen Onkel?" fragte Viktor. ״Ich weiß nicht, ob die Damen —״ ״O hole sie nur," fiel Rosa ein. ״Mama fühlt sich durch den Tabaksdampf niemals genirt und in Gegenwart der Tante rauchen Sie ja immer. Aber stopfe sie nicht Viktor," fügte sie lächelnd hinzu, ״das will ich heute einmal thun, dann schmeckt es dem Onkel sicher- M noch einmal so gut, nicht wahr Onkelchen?" ״Ganz gewiß, mein liebes Mädchen," und er klopfte ihr liebkosend die zart gervtheten Wangen. Viktor brachte die Pfeife und Rosa begann sie zu füllen. ״Pfui Rosa, wie kannst Du Dich nur so unweiblich benehmen," tadelte Philipp, ״mit der Pfeife siehst Du aus, als wärst Du eine Marketenderin." Rosa lachte, ״soll ich sie Ihnen auch anrauchen Onkel?" ״Nein Kind, das könnte Dir übel bekommen." Sie zündete einen Fidibus an, um ihn dem Onkel zu reichen, aber Philipp glaubte, sie wolle selbst rauchen und fuhr daher in seinem Tadel fort: ״Aber Rosa, Rosa, schämst Du Dich denn gar nicht? Mich wundert nur, daß Du nicht heute nach B. gefahren bist, alle Wasch- und Ftschweiber waren dort, um der Hinrichtung beizuwohnen." ״Welcher Hinrichtung?" fragte der alte Blum. ״Wissen Sie nicht, daß der Raubmörder N. heute Mittag hingerichtet worden ist? in B. hat die Execution stattgesunden." ״Also schon vorüber, o das ist traurig; ich hatte noch immer