Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-05-01
- Page
- 261 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Von'S-... 261 und noch weniger von Dankbarkeit. Während der christliche Arme mit so rührender Unterwürfigkeit zu bitten weiß, und für die kleinste Gabe so inbrünstig -dankt, bittet der jüdische Bettler gar nicht, sondern fordert als ob er eine Schuld einzukasstren hätte, und spendet man ihm noch so reiches Almosen, ans einen Dank darf man nicht rechnen. Das ist-s auch was mich sehr mißtrauisch macht gegen diese ganze Menschenklasse; denn, wenn man Dankbarkeit doch wohl als schönste Tugend erklären kann, so darf man sicherlich Undankbarkeit als das scheußlichste Laster betrachten. Dem Undankbaren kann man jedwede Schlechtigkeit zutraUen, ׳und einen undankbareren Menschen als den jüdischen Bettler kann ich wir nicht denken,-also —" ״Ich bitte Sie lieber -Herr Philipp,-reden Sie nicht so," unterbrach ihn Friedheim, .״ich muß!zwar schön sagen, daß Sie recht haben, wenn Sie sagen, daß die jüdischen Armen gewöhnlich nicht bitten, aber-wissen Sie -auch warum sie's nicht ihnn? Sehen Sie her, in unserer jüdischen-Religion ist Almosengeben ein Gebot von Gott, eine Mizwoh, wie -man-s in unserer heiligen Sprache nennt. Nun sehen Sie an, die armen Juden betrachten die Sache so: wenn also ein armer-Jude etwas von Ihnen fordert, bringt er Sie-zur Erfüllung einer Mizwoh, und da sollten eigentlich-Sie ihm banken." ״Ha, ha, ha, cha, das -heiß' ich eine spitzfindige Erklärung!" unh Philipp mußte vor -Lachen die Seiten sich halten. ,,Also wenn ich einem Bettler-Almosen gegeben -habe, und ihm nicht noch dazu -herzltchst ׳danke, so bin ich wohl in Ihren Augen ein undankbarer schlechter Mensch; das ist gelungen, wirklich gelungen!" ״Ich bitte Sie, so Hab' tch's nicht gemeint," wandte Friedheim ein, ,/ich habe Ihnen nur zeigen gewollt, daß die jüdischen Armen nicht-grade schlecht zu sein brauchen, wenn sie auch nicht danken." Der Hausherr unterbrach das Gespräch. ״Sie waren so eben ein 7so eifriger Anwalt der Dankbarkeit, lieber Philipp, daß ich Sie anffordern wollte, auch unserm Danke-Ausdruck zu leihen." Philipp blickte ihn verwundert an, der-Andere lächelte; ״ich wollte Sie nur ersuchen, das Tischgebet vorzutragen." Philipp verneigte sich erröthend, die Aufforderung kam ihm nicht sehr erwünscht; längst schon hatte er den, wie er sich ausdrückte, kindischen Gebrauch, nach jeder Mahlzeit zu beten, sich >abgewöhnt; «her in diesem Kreise durfte er solches nicht zeigen, - Er rechnete