Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 7 (April 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-04-01
- Page
- 237 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2932754-2932961-2932969-2950018--10030-2950062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von S... 237 überlegenem Lächeln ״Sie sehen', selbst vom Standpunkt des Talmuds aus ist es unverantwortlich eine Haartonre zu tragen, denn Sie laden dadurch den Schein der Sünde der Eitelkeit auf sich." ״Aber um des Himmels, willen!" rief Frau Schwarz mehr und mehr verwirrt, ״wie konnte mir eine derartige Auffasfung nur einfallen? wie, aus Eitelkeit sollte ich falsches Haar tragen?" ״Wer kann wissen, dast Sie eigenes schönes besitzen?" entgrgnete der Doctor achselzuckend, ״der Mensch urtheilt stets nur nach dem Schein." , ״Liebster bester Herr Doctor, sagen Sie mir allen Ernstes, ist es in der That keine Sünde für eine verheirathete Frau, ihr Haar zur Schau zu tragen?" ״Liebste beste Dame, sagen Sie mir allen Ernstes, wie könnte es wohl Sünde sein, de» schönsten Schmuck, den der Schöpfer selbst dem Weibe verliehen, zur Schau zu tragen? Ja, ehedem als wir noch im Orient weilten, wo die Frau des Mannes Sclavi», des Mannes Eigcnthum gewesen, da konnte solches Gesetz wohl bestehen; aber hier haben wir doch überhaupt die Sitten des zivilisirten Occident annektirt und —" ״Ich glaube doch,, von meinem Manne gehört zu haben" wandte Frau Schwarz schüchtern ein, ״daß ein biblisches Gebot den Frauen verbiethe —" ״Mißverständnis!, Mißverständlich, lächerliches Mißverständniß. Ich weiß gar wohl, ans was gar Manche das vermeintliche Verbot zurückführen wollen; aber ich kann, nicht begreifen, daß sie sich nicht scheuen, eine derartige Lächerlichkeit auszusprechen." Frau Schwarz athmete hoch auf; sie erinnerte sich sehr wohl, wie schwer cs ihr anfangs geworden, dem Wunsche ihres Mannes zu entsprechen und ihr schönes Haar zu verhülle»; aber sie Hatte cs gethan, weil sie ihn liebte und ihm glaubte, daß ein göttliches Gebot zur Pflicht es ihr mache, — und nun vernahm sie mit eiuemmal das Gegentheil — hoch hob sich ihre Brust, sie fuhr mit der Hand über die Stirn, und hätte der Anstand es erlaubt, sie hätte den gefaßten Entschluß am liebsten gleich ausgeführt, denn es that ihr unaussprechlich weh, daß jener edle liebenswürdige Fremde sie vielleicht doch der. Eitelkeit zeihen könne. Gern hätte sie mit einem Ruck das verhaßte falsche Haar von sich geschleudert