Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 12 (September 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-09-01
- Page
- 391 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2932947-2932960-2949594--09674-2949629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von S.; . 391 uns gestern Abend, bis zu seinem vierzehnten Jahr als Christ erzogen, als er plötzlich erfuhr, daß er von Geburt ein Jude, jedoch schon als kleines Kind getauft worden sei. Den stolzen denkenden Knaben empörte es, daß man seine Religion ihm geraubt, und hiedurch angeregt, erkannte er leicht die Irrlehren derjenigen, in der man ihn erzog. Er sollte konfirmirt werden, und weigerte sich; man wollte ihn zwingen und er entfloh, er fand endlich Glaubensgenossen, die sich seiner annahmen, ihm zum Rücktritt verhalfen und ihn als Juden erziehen ließen." Emilie schwieg. Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust ihrer Mutter, in der eine schmerzliche Erinnerung erwacht; sie stützte den Arm auf den Tisch; ihr Haupt sank aus die Hand — Die Tochter vermochte kaum sich zu halten; hörbar pochte ihr das Herz. ״Mutter," begann sie nach längerem Schweigen in leisem unsicheren Ton, ״weißt Du was ich seit gestern immer denken muß? — Ob nicht vielleicht — unser Fritz — ein ähnliches Schicksal getroffen —• ־״ ״Emilie! um Gotteswillen erwecke keine leeren Hoffnungen in mir!" ״Und wenn nun diese Hoffnungen — nicht ganz leer wären?" Sie umschlang die Mutter deren Antlitz Todesfarbe überzogen hatte. Wie im Fieberfrost schlugen die Zähne der furchtbar erregten Frau aneinander, mit weit aufgeriffcnen Augen starrte sie die Tochter an, die ihr die Schläfen mit kölnischem Wasser befeuchtete — Die Mutter wehrte ihr und stammelte, ״Kind, Kind martere mich nicht, Ungewißheit ertrag ich nicht länger — Nenne mir den —״ ״Weiß — Fritz Weiß," schluchzte Emilie. Die Thür des am-oßenden Zimmers ging auf; Bernhard trat ein, gefolgt von einem hohen, schönen aber leichenblassen jungen Manne — Die Mutter entriß sich, wie mit jugendsrischer Kraft, den sie umschlingenden Armen der Tochter — schwankte einige Schritte vorwärts, und sank in die ihres Sohnes — Wir lassen die Feder ruhen; diese Scene weiter zu beschreiben wäre sie doch unfähig. Stunden waren vergangen, Mittagszeit war längst׳ vorüber.