Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1865-08-01 · Heft 11 (August 1865) · p. 366

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1864-1865)
Issue
Heft 11 (August 1865)
Article
Die hiesigen Hospitäler und die Juden
Date
1865-08-01
Page
366 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2932947-2932959-2949542--09639-2949584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

366 Die hiesigen Hospitäler und die Juden. sagt. Wünscht ein Kranker Bier statt Wein, so gibt man es ihm, und es sollte vollkommen gleichgültig sein, einem Kranken Speisen zu reichen, die in gesunden Tagen keine Macht auf Erde» über seine Lippen gebracht hätte?! Bei der Behandlung Geisteskranker machen sich diese gewichtigen Bedenken in noch höherem Grade geltend. Wie oft nämlich bilden nicht wirkliche oder eingebildete Vergehen das Objekt der Geistesstörung; religiöse Scrupel liefern alljährlich ein ganz bedeutendes Kontingent in die Irrenanstalten; und wenn irgendwo so bietet in Geisteskrankheiten die absoluteste Geistes- und Gemüthsruhe fast die einzige Aussicht auf Genesung. Es müßte deßhalb als der gröbste medicinische Fehler angesehen werden, wollte man einen an den Gesetzen seiner Religion festhaltenden Geisteskranken zwingen, die allerersten Diktate seines Gewissens zu verletzen und ihn nöthtgen, eine Kost zu genießen, die, jedenfalls bet zurückkehrender Geistesklarheit, seine, vielleicht eben erst wiedergewonnene, Gewissens und Gemüthsruhe durch Scrupel der allerempfindlichsten Art tu höchstem Grade stören muß. Daß diese Erörterungen nicht blos theoretischer Natur, sondern leider durch praktische Erfahrung, die sich öfter als man vielleicht glauben sollte darbietet, hervorgerufen sind, dafür möge, aus mchreren, folgende Thatsache zeugen. Vor circa 2—3 Jahren wurde ein hiesiger praktischer Arzt zu einer armen kranken kreisenden Jüdin gerufen. Er traf in einem elenden Loche, dessen einziges Fenster nicht etwa auf einen dünkeln düstern Hof, sondern einfach — auf die Haustreppe des mit fast eghptischer Finsterniß gefüllten Gasthauses ging — Mann und Frau und 2 Kinder, die Frau durch die Strapazen der Reise erschöpft im Beginn einer voraussichtlich sehr schweren Entbindung. In Anbetracht dieser so höchst ungünstigen äußeren Verhältnisse schickte er sogleich den Mann auf die Entbindungsanstalt und begab sich alsbald selbst dorthin, um die sofortige Aufnahme der kreisenden Frau zu bewirken. Man erwiderte ihm aber: es seien schon oft Fälle vorgekommcn, daß sich arme Jüdinnen geweigert hätten, von f' der Hauskost zu genießen, und cs existirc deßhalb die Ordre keine Jüdin auszunehmen, die sich!licht vorher dazu bereit erklärt hätte. Da die armen Leute nun sich unter keiner Bedingung dazu entschlie-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.