Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 11 (August 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-08-01
- Page
- 356 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Licht- und Schattenbilder. immer fest unter dem seinen haltend, schritt er auf ein Bett im Hintergründe zu. Seine Hand zitterte merklich, als er das Licht ans das dicht neben dem Bette befindliche Tischchen stellte, hastig aber schlug er dann das über dem Bette ausgebreitete Tuch zurück. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr dem jungen Manne; er wäre zu Boden gestürzt, hätte nicht der Vater mit kräftiger Hand ihn aufrecht erhalten. Er hatte noch nie einen Leichnam gesehen und befand sich nun plötzlich dicht vor der noch blutigen Leiche seines Schwagers, dem die klaffende Stirnwunde ein wahrhaft Schauder erregendes Aussehen verlieh. Gern hätte er die Augen geschlossen, aber wie mit magischer Gewalt zog's ihn an, immer dorthin zu blicken auf das geöffnete Gehirn, dessen niedere Gedanken nicht selten seine Letter gewesen. ״Eduard," begann der Vater endlich und seine Stimme klang heiser und bebend, ״ich habe Dich hierher geführt, um Dir das Ende des Weges zu zeigen, auf dem Du wandelst." Ein heftiges Zittern überfiel de» jungen Dandy, der noch immer die Leiche anstarrte — zum ersten Mal im Leben fühlte er sich ergriffen von den Worten seines Vaters, zuni ersten Mal vielleicht reichte er ihm mit kindlichem Gefühl die Hand. ״Ich will mich besfern Vater, ich schwöre ein anderer Mensch zu werden!" Ein freudiges Gefühl hob des Vaters Brust, und er geleitete den noch immer heftig Erregten aus dem Sterbehause. Eduard hielt Wort. Wochen waren vergangen, er hatte von den wilden Genossen sich losgesagt und keine Karte wieder angerührt und war überhaupt weit milder und sanfter geworden. In dem Hause seines Vaters sah man ihn freilich deßhalb doch nicht mehr als früher, denn alle die Zeit die er bisher beim Spiel und mit ausgelassenen Kameraden verbracht, widmete er nun ganz dem Mädchen seines Herzens. Es war ein üppiges reizendes Mädchen, das seit kurzem in ihren Fesseln ihn hielt, eines Flickschneiders Waise, die seit dem Tode ihres Vaters den Unterhalt durch die Gewandheit ihrer Nadel sich erworben. Jetzt wollte nun freilich der junge Eckert dies nicht mehr dulden; aber das kluge Mädchen erkannte leicht die Stimmung, in der der Schwache äugen-