Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1865-07-01 · Heft 10 (Juli 1865) · p. 324

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1864-1865)
Issue
Heft 10 (Juli 1865)
Article
Licht- und Schattenbilder
Date
1865-07-01
Page
324 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2932754-2932947-2932958-2949491--09586-2949521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

324 Licht- und Schattenbilder. tiren. Einen Augenblick lauschte der Kleine, dann aber rief er, ״Onkel, Onkel, waS thust du; es ist ja Sabbath heute." ״Ah richtig," rief Doktor Fuchs stark erröthend, ״das ist wahr in meiner Zerstreutheit hatte ich wirklich ganz daran vergessen. Du hist ein wackerer Knabe, mich daran zu erinnern. — Welch glücklicheS Alter das des Kindes," fuhr er zu den Erwachsenen gewendet fort, ״das von Zerstreutheit noch gar keinen Begriff hat." Und, wie um seine Verlegenheit zu verbergen, zog er die Dose aus der Tasche und nahm eine Prise. Der kleine Eiferer aber stand noch an seiner Sette; das blonde Lockenköpfchcn schüttelnd ries er wieder, ״aber wie kommt nur deine Dose hierher Onkel? heute darfst Du sie doch nicht über die Straße tragen; wenn ich am Sabbath ausgehe, leert Mama mir immer erst die Taschen aus." Der Onkel schien ihn nicht zu Horen, er schaute gen Himmel dem sinkenden Sonnenball zu, Bertha sandte den kleinen Störenfried zurück zu den Geschwistern. ״Sie geben Ihren Kindern eine vortreffliche Erziehung; aber mich dünkt doch eine zu mittelalterliche." Adolf zuckte die Achseln, er wollte in Gegenwart seiner Schwester mit ihrem Manne sich nicht in religiöse Controverse einlassen — AllseitigeS Schweigen herrschte einige Augenblicke — ״Wie ist er nur so schön dieser Sonnenuntergang," nahm endlich der Doktor wieder bas Wort, ״so unvergleichlich schön, schöner mich dünkt als der Sonnenaufgang den der Psalmist doch so göttlich beschreibt. Finden Sie nicht, daß auch die Blumen viel süßer jetzt duften als den ganzen Tag hindurch, ähnlich dem Gcmüth des Menschen, das am Abend auch weit sanfter und milder gestimmt ist." ״Es wird Zeit sein zur Synagoge zu gehen," fiel Adolf ein, ״die Sterne werden sehr bald sich zeigen." ״Ich ״Pflege beim Ausgang des Sabbath meine Andacht im Zimmer zu verrichten," entgegnete Doktor Fuchs, ״Gott ist ja allgegenwärtig; doch wollen Sie Herr Schwager sich meinethalben nicht geniren." Adolf entfernte sich, der Doktor unterhielt die Damen noch ein Weilchen von der Aehnlichkett der Blumen mit den Menschen. Endlich aber machte er sich mitMeiner Gattin auf den Heimweg und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.