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Jeschurun · 1865-07-01 · Heft 10 (Juli 1865) · p. 322

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1864-1865)
Issue
Heft 10 (Juli 1865)
Article
Licht- und Schattenbilder
Date
1865-07-01
Page
322 (sequence 9)
Language
German
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322 Licht- und Schattenbilder. lich zu antworten, wenn er so ist Anderer Gegenwart um mich herumschwänzelt, mein Kind, mein Schatz, mein Herz mich nennt — da tst's mir oft, als müßte ich mich auf ihn stürzen, ,und den heuchlerischen Mund ihm zudrücken, denn einen größeren Heuchler als ihn hat die Erde nie getragen. £>/ fuhr sie fort, sich mehr und mehr aufregend, ״ich bin schlecht gewesen, das weiß ich wohl, sehr schlecht, sonst wäre ich ja die Seine nie geworden; aber seine heilig scheinenden gleißnerischen Worte waren es, die in den Abgrund mich gezogen. Gut war ich nicht, selbst als Mädchen nicht, denn ich war eitel, kalt und herzlos, und wenige Stunden nach dem Begräbniß unserer Mutter konnte ich mit meiner Schwester um der Verblichenen Kleider und Spitzen streiten, und während wir beide vor Zorn weinten, kam er der Elende, dessen Name» ich trage und den ich doch nicht nennen mag — Glatt schleichend wie der Versucher kam er heran und wußte mit seinen süßen schmeichelnden Worten mir bald die Thränen zu trocknen — Und wie er dann mit den listigsten heuchlerischsten Worten mich zu umstricken, zu —“ ״Liebe gute Schwester," bat Bertha, ״Du regst Dich zu sehr auf." ״Nein, nein," versetzte die Unglückliche, ״es thut mir wohl, mich einmal auszusprcchen, ich muß ja immer immer schweigen. O wenn ihr ihn kennen würdet wie ich ihn kenne. — Ihr wißt ja, wozu er mich verleitet. Nun, als ich schon wenige Monate nach unscrer Vermählung auf dem Schmerzenslager mich wand, da trieb der Elende die Heuchelei so wett, daß er meine Hand faßte und mir zuflüsterte: Thusnelda meine Geliebte, sei stark, ertrage in Ruhe die Schmerzen, die des Herrn Allgüte Dir sendet, und die uns durch seine Gnade vor Schande bewahren werden. Sieh, das ewige Wesen liebt uns gar sehr und will nicht, daß die Folge eines sündhaften Augenblicks durch unser ganzes reines Leben uns begleite — Da, nachdem er so gesprochen, da erkannte ich ihn plötzlich — aber auch mich und mein grenzenloses Unrecht und Unglück — und trotzdem empfand auch ich einen Augenblick eine Art von Befriedigung, von der Furcht vor Schande erlöst zu sein —Oft wenn ich in heißen Thränen die Vorsehung um Mutterglück anflehte, dann trat diese Stunde vor mein Auge und —״ ״Ah da treffe ich ja Alle beisammen," rief mit seiner wohl-

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