Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1865)
- Article
- Einige Andeutungen über die Benutzung der ersten Lebensjahre für die Erziehung
- Date
- 1865-05-01
- Page
- 259 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932947-2932956-2949391--09497-2949415- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Benutzung der ersten Lebensjahre für die Erziehung. 259 nungen, unser» Worten und Handlungen völlig tilgen, damit unsere Kinder nicht eben sic, nicht eben das Straucheln und Stümpern in der sittlichen Kunst von uns erlernen, in welcher wir sie zur Meisterschaft bringen sollen, sollten nicht mit dem ersten Kinde, das Gott uns beglückend in die Arme legt, das heiligste Gelübde vor seinem Angesichte ablegen, nunmehr unS erst selbst zu erziehen, damit wir Erzieher seiner Zöglinge in seinem Sinne zu werden vermögen? Erziehen heißt zu sich heran und Heraufziehen, heißt den zu Erziehenden zu dem Standpunkt hin und' hinaufgeleiten, auf dem man selber steht. Nur durch unser Gehen und Sprechen lernen unsere Kinder gehen und sprechen, und sie sollten in anderer Weise geduldig sein, gelassen sein, freundlich, milde, aufrichtig, wahr, mäßig, bescheiden, gerecht und liebevoll sein, sollten in anderer Weise sich selbst beherrschen. Widerwärtiges leicht ertragen, Wünschenswerthem heiter entsagen, die schwersten Pflichten mit besonnenem Frohsetn von uns und durch uns erfüllen lernen, als indem sie die Möglichkeit und das Beglückende aller dieser Tugenden, wie Gehen und Sprechen, in immerwährendem Beispiel vor sich haben? Und Kinder haben ein scharfes Auge, ein noch schärferes Ohr und ein unendlich wahres waches Gemüth, das alle Eindrücke in ihrer nackten Wirklichkeit ausnimmt und sympathisch gleiche Stimmungen im eigenen Innern anklingen läßt. Alles Lehren und Moralisiren kommt dem Eindrücke nicht gleich, den das Vorbild der Eltern bildend und verbildend auf ihre Kinder übt. Der Heftige wird keine Geduld, der Zornmüthige keine Gelassenheit, der Frivole keinen Ernst, der Rohe keine Gesittung, der Verschlagene keine Aufrichttgkeit, der Unmäßige keine Genügsamkeit, der Gemeine keinen Gesinnungsadel u. s. w. in seinem Zögling erziehen; es sei denn, alle diese Untugenden würden vor den Augen des Zöglings in so trostlosem Uebermaß und von so traurigen Folgen begleitet geübt, daß sie zu den Lehren des Erziehers die heilsam abschreckenden Jllustrationen böten. Glücklich das Kind, an dessen Wiege Vater und Mutter die oft wachen nächtlichen Stunden seiner ersten Lebensjahre zum stillen, ernsten Einblick in das eigene Innere und zum schleierlosen Ueberblick über das eigene Walten und Streben benutzen, um aus dem