Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 7 (April 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-04-01
- Page
- 221 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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»Ott 6 221 auch offen sich noch nicht berei tauf den empörenden Vpxschlag einzugehen, so merkte ich doch bald, daß dicß sein sehnlichster Wunsch, Bald sprach er von len Pflichten der Eltern gegen ihre Kinder, und wie in der heutigen anspruchsvollen Zeit Retchthum doppeltes Glück, bald bedauerte er unsere Kinder, daß Vorurtheil und Aberglaube sie zu Armuth und Elend verdammen wolle, während ein so glänzendes Loos ihnen geboten. — Von meinen Kämpfen, meinen Leiden lassen Sie mich schweigen — schon damals glaubte ich mein Unglück nicht ertragen zu können und es war doch eigentlich noch gar nicht da. O sende der Himmel nur nicht Alles, was menschliche Natur zu ertragen vermag!'— Aber vor zwei Monaten da brach's herein mit seiner ganzen Wucht/ Sie wollte weiter reden, aber die Stimme versagte ihr. Theilnehmend drückte ihre Wirthin ihr die Hand und reichte ihr ein Glas Wasser; hastig stürzte sie es hinunter, und gewaltsam sich fassend fuhr sie in abgebrochenen Sätzen bebend fort: ״Unser ältester Sohn, ein hoffnungsvoller Knabe von zehn Zähren, ward durch plötzlichen Tod uns entrissen. — Ich hatte zu viel, zu lange vorher schon gelitten — hier brach meine Kraft. Verzweiflung warf mich auf's Krankenlager — — — Am Abend des Sterbetages unseres Sohnes — so erfuhr ich durch eine alte treue Dienerin — befahl ihr mein Mann, der Kinder Kleider in einen Koffer zu Pakken und theilte ihr mit, er wolle dieselben aus Furcht vor der An-- stcckung des Nervenfiebers, das mich ergriffen hatte, nach B. zu seiner Schwester bringen und verließ mit den Kindern das Haus — was ans ihnen geworden — der Himmel schütze die Unschuldtgen — ich fürchte das Aergste — mehrere Wochen hielt das Fieber das Bewußtsein mir gefangen — doch als es nach und nach dann wiederkehrte — als ich erwachte — als ich — O Gott! mein Gott! und ich lebe noch!"—Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, doch keine Thräue machte ihrem Schmerze Luft. Leise schlang Frau Wolf den Arm um die zarte Taille der Zitternden; mit hastigen Schritten durchmaß ihr Gatte das Zimmer. Er sann und sann wie hier zu helfen; doch mußte er sich bald gestehen, daß er nur wenig Hoffnung hege. Seine Frau aber sprach tröstende und ermuthtgende Worte, und meinte cs müsse ein Leichtes sein den Mann aufzufinden, der durch die blendende Schönheit 15