Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 7 (April 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-04-01
- Page
- 220 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Licht- und Schattenbilder. ״Meine Heimath," so begann sie, ״ist M., ein kleines Stadt-! chen im Herzogthum Posen, dort lebte ich seit eilf Jah.ren verheij rathet mit dem Ihnen bekannten Ignatz Weiß. Ein kleiner Krä-? merladen verschaffte uns wen» auch nicht glänzendes so doch genügendes Einkommen und so lebten wir in ungetrübter Zufriedenheit, denn der Himmel hatte uns auch drei blühende Kinder beschccrt." ״Zwei Ihrer Kleinen haben mein herzlichstes Interesse erregt," j fiel Frau Wolf et», ״sie sind kleine Engel an Schönheit und Liebenswürdigkeit." Die Unglückliche blickte dankend auf; dann fuhr sie mit tiefem Seufzer fort: ״Die religiösen Grundsätze meines Mannes waren nie die strengsten; doch so lange sein Bater, der einen nicht unbedeutenden Antheil an"unserem Geschäfte hatte, lebte, war dasselbe am Sabbath und an Feiertagen stets geschlossen; denn mein seliger Schwiegervater war ein braver, frommer Mann. Doch nach seinem Tode, der vor kaum einem Jahre erfolgte, glaubte mein Mann sich keinen Zwang mehr auferlegen zu müssen; schon der zweite Sabbath des Trauerjahres fand unser» Laden geöffnet. Ich versuchte meinem Manne Vorstellungen, Einwendungen zu machen — vergebens. Es waren die ersten Zwistigkeiten in unserer Ehe, leider sollten sie nicht die letzten sein. — Mein Mann hat einen Bruder, der seit bereits vielen Jahren getauft in Petersburg sein sogenanntes Glück gemacht hat, er ist von der russischen Regierung angestcllt und bekleidet einen hohen einsiußreichen Posten; doch vor meinem seligen Schwiegervater durfte man nie ihn nennen. Dieser Brnder nun war meinen Mann, noch heute weiß ich nicht ans welchem Grunde, wiederi holt darum angegangen, er möge sich mit seiner ganzen Familie i taufen lassen, und hatte ihm in diesem Falle die glänzendsten Ausß sichten für die Zukunft eröffnet. Diesen Vorschlag scheint mein Mann H abgelehnt zu haben; doch nun bestürmte ihn sein Bruder, doch weg ntgstcns die Kinder taufen zu lassen, für deren Erziehung und Zuf .fünft er daun aufs Reichste zu sorgen versprach und ließ nicht ab mit seinem Drängen- Erst »ach dem Ableben seines Vaters thetlte mein Mann mir alles dieses mit und zeigte mir auch/die letzten Briefe seines Bruders. Sie können sich den tiefen Abscheu denken, den diese mir einflößten; doch zy meinem ■größten Schmerz .mußte 1 ich wahrnehmen,.,daß mein Hann hensellben nicht HMe. Zeigte er