Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 6 (März 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-03-01
- Page
- 185 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Von S . 185 har des Mädchens Lippen umspielte, ihr liebliches Gesichtchen wo möglich noch reizender machte. Ich vermochte kein Auge von ihnen zn wenden und redete sic an; sie blickten ängstlich auf den Mann und antworteten schüchtern und leise. Ich forderte sie auf, mir tn's Wohnzimmer zu folgen, wo ich ihnen Früchte und Confitüren zn geben versprach, und nachdem der Vater seine Einwilligung gcgeben, begaben wir uns^ von ihm begleitet, dorthin. ״Er erzählte mir, seine Frau sei ihm vor einigen Wochen durch den Tod entrissen, und außer Stande, sich selbst genügend mit der Erziehung feiner Kinder zu befassen, sehe er sich gezwungen sich . ' von ihnen zu trennen und sie zn einer Verwandten nach H. zu bringen. Lcichenblässe überzog bei diesen Worten die rosigen Lippen seines Töchterchens, ihre Lippen bebten, als wollte sie sprechen. Doch mit fast zornigem Ausdruck ruhte des Vaters Blick auf ihr, und kein Wort brachte sie hervor. Ich empfand das herzlichste Mttgcfühl mit den Waisen, vorzüglich mit dem kleinen Mädchen, das die Größe ihres Unglücks schon zu empfinden schien. Denken Sie sich jedoch mein Erstaunen, als in diesem Augenblick einer unserer Leute hcreintritt und den Mann ersucht noch einen Angenblick ins ׳Comptoir zn kommen; ich weiß nicht, was man dort von. ihm wollte, doch kaum hatte er das Zimmer verlassen, als die Kleine zur Thür eilte, sic in's Schloß drückt und ganz in Verzweiflung auf mich zurückstürzt: Es ist nicht wahr! es ist nicht wahr! ruft sie, in Schluchzen ausbrechend, Mama ist nicht todt; noch vorgestern waren wir bei ihr zu Hause in M. Ich war so überrascht, daß ich in der That nicht weiß, wie ich dem Kinde zngeredet; doch nahm jch's in meine Arme und that mein Möglichstes, cS zn beruhigen. Der Kleine stand daneben, selbst Thränen in den blauen Augen, streichelte er die Hände seiner Schwester und flüsterte: Emmi, liebe Emmi, weine doch nicht, Papa — Und wie durch diese Worte gezwungen, trocknete die Kleine sich plötzlich die Thränen, glitt ans meinen Armen und umfaßte das Brüderchen; sei ruhig Fritzchcn, ich weine nicht mehr, und kein Mensch darf dir etwas thnn; ich leide es nicht. Hier öffnete der Vater die Thür, grüßte mich flüchtig und rief den Kindern. Sie schienen zu erschrecken, reichten mir die kleinen Hände und sagten Adieu, blickten aber, während sie sich entfernten, noch oft nach mir zurück.