Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 6 (März 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-03-01
- Page
- 184 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Licht- und Schattenbilder. Fall gewesen, ein Theaterstück, wobei die Rollen unter einigen der Anwesenden vertheilt wurden. Eben war ein Akt aus der ״Zmigfran von Orleans" beendet und sowohl ״die Jungfrau" als ״Lioncl" hatten reichlich Lob geerntet. Bei Letzterem war dies allerdings nicht zu verwundern, denn Herr D1\ FnchS war Seelsorger der israelitischen Gemeinde, und seine Predigten zeichneten sich stets durch eine theatraltsch-dcklamatorische Rhetorik aus. ״Warum sind Sie denn heute so sehr zerstreut, liebe Frau Wolf?" wandte sich die Wirthin an eine ihr zunächst sitzende Dame, ״Sie scheinen mit Ihren Gedanken überall nur nicht bet Uns zu sein." ״Verzeihe» Sie Frau Kraus," erwiderte die Angeredete, ״daß ich so unhöflich gewesen; ich kann Meine Zerstreuung in der That nicht in Abrede stellen; doch bin ich überzeugt, Sie werden meine Entschuldigung gelten lassen, wenn ich —" ״Bitte, bitte, liebe Freundin, entschuldigen dürfen Sie sich durchaus nicht, es lag ja nicht in meiner Absicht, Ihnen einen Borwurf machen zu wollen, doch als ich Sie so abwesend du sitzen sah, stieg die Befürchtung in mir aus, cs möchte Ihnen oder einem Gltede Ihrer wertsten Familie etwas Unangenehmes zugestoßen sein, und Sie kennen ja meine innige Thetlnahme für Alles/ was den Namen Wolf trägt?" ״Nein, Gott sei Dank! uns ist nichts Unangenehmes zugestoßen; aber ich hatte heute einen so eigenthümltchen Besuch, und die Erinnerung daran drängt sich mir fortwährend aus; es ist mir unmöglich sie zu bannen; etwas Mysteriöses muß der Sache zu Grunde liegen." ״Mysteriöses? Sie erwecken meine Neugierde." >,Und bin gern bereit sie zu befriedigen, vernehmen Sie also: Als ich heute Nachmittag zufällig in's Comptoir trete, sehe ich eiuen einfach aber anständig gekleideten Mann dort, der, wie ich glaube einen Wechsel cinzukassiren statte. Das Aeußere des Mannes war zu gewöhnlich, um meine Aufmerksamkeit zu erregen; doch ihm zur Seite hielten sich zwei Kinder Hand in Hand, ein ungefähr vierjährtger Knabe und ein um wenige Jahre älteres Mädchen, beide von so blendender Schönheit, daß der wehmüthige Zug, der unverkenn-