Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 11 (August 1864)
- Article
- Aus der Zukunft
- Date
- 1864-08-01
- Page
- 383 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Von S . . 383 schon ziemlich bejahrter Mann, der bereits seit mehr als zwanzig Jahren seinen jetzigen Posten bekleidet, drückte mir sein Befremden hierüber ans. Um so mehr, sagte er, müsse meine Einwendung ihn in Erstaunen setzen, als er wisse, daß mein Vorgänger im Amte eine derartige Ehescheidung als berechtigt und vollkommen genügend anerkannt. Ja ihm, dem Gerichtspräsidenten sei selbst in den ersten Jahren seiner Amtsthätigkeit ein solcher Fall vorgekommen, wo das Gericht einen jüdischen Ehemann für verschollen und dessen Ehe für aufgelöst erklärt; damals habe auch ein vom Gericht bestellter Curator in Gegenwart des Rabbiners der Frau den Scheidebrief übergeben und der Rabbiner habe hinzugcfügt, kraft seines Amtes erkläre auch er das Band jener Ehe .für gelöst, und habe bei der kurz darauf folgenden Vermählung jener Frau, die Trauungscercmonie selbst vollzogen. — Wie sehr mich diese Mittheilung überraschte und empörte,׳ kannst Du Dir denken, war ste begründet, so hatte der Rabbiner eine verheirathete Frau, deren Ehe faktisch noch bestand, einem Andern angetrant, einen offenen von ihm selbst geleiteten Ehebruch eingesegnet. — Ich konnte solches mir nicht möglich denken, hielt mich jedoch verpflichtet die eifrigsten Nachforschungen hierüber anzultellcn. Nur zu bald sah ich ein, daß der Richter mir vollkommne Wahrheit mitgethcilt. Jener Rabbiner erzählte man mir, sei ein sehr sanfter milder Mann gewesen; er habe sich geäußert, er halte cs für Gewissenssache, jener Scheidung Hindernisse in den Weg zu stellen und hiedurch jene junge, unschuldige allgemein geachtete Dame zu ewigem Cölibat zu vcrurtheilen; denn daß von ihrem ersten Gatten mau je wieder erfahren würde, sei durchaus nicht anzunehmen. Er hatte sich getäuscht, der fromme Mann, ans zuverlässigster Quelle erfuhr ich, daß der für verschollen Erklärte noch bis vor sechs Iahreu in Ncwyork gelebt habe. Du kannst Dir aber mein Entsetzen vorstellen, als ich gestern Nachmittag die plötzliche aber unwiderlegbare Ueberzeugung gewann, daß diese Frau keine Andere als die Mutter der Braut deines Sohnes, meines Neffen ist. Ich wußte, daß die Vermählung auf heute bestimmt war und segnete die Vorsehung, die mich noch vor Vollziehung derselben das Schreckliche erkennen ließ. Aber rasch galt es, nun einen Entschluß zu fassen. Deinem Erncst wollte ich telegraphiren lassen, aber seine Adresse war mir unbekannt; mir blieb nichts Anderes übrig als unverzüglich