Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1864)
- Article
- Das Dogma im Judenthum
- Date
- 1864-06-01
- Page
- 298 (sequence 4)
- Language
- German
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298 Das Dogma im Jnbenthum. ander gehalten, dem Leben alle Ansprüche gut geheißen, der Lehre und dem jüdischen Leben hingegen höchstens ein Stündchen der Andacht an hervorragenden Tagen als Brosam zugeworfen. Man suche einmal den jüdischen Typus in den Häusern der Reformer, in ihrem Familienleben, in ihrer Kindererziehüng, in ihrem Gewerbsbetrieb, in ihren sinnlichen Genüssen re.; überall sucht man vergebens; nirgends findet man das vom Gottesgedanken getragene Leben, wie es die Orthodoxen beseligt und immer wieder zu neuer Bethättgung ihrer Frömmigkeit anspornt. — Und diese so scharf markirte Linie könnte mit einem Federstriche oder mit einer vor Gericht beschworenen Aussage verwischt, niedergeschlagen werden? Selbst hinsichtlich der Kultusreform sind es ja nicht blose Formen, welche Orthodoxe von Reformern trennen. Rcligionsvorschrtften find es, die dabet in Frage kommen. Gewissensfreiheit oder Gewissenszwang ist das Losungswort, welches den Feind vom Freund kenntlich macht. Die Orgel, die Verminderung der hebräischen Gebetsprache, die Abschaffnng solcher Gebetstücke, welche das Erscheinen eines persönlichen Messias, die Wiederherstellung des Tempeldienstes zum Gegenstände habe»; die Predigten, welche, wenn sie allenfalls auch nichts Antijüdisches enthalten, doch das specifisch Jüdische durchschnittlich ignortren: Alles dieses ist nicht bloße Form, scheint vielmehr daraus angelegt zu sein, den eigentlich jüdischen Lebensnerv zu durchschneiden, um mittelst künstlicher Betäubung die Operation auf Leben oder Tod schmerzlos und ohne Störung unternehmen zu können, wo aber auch im Rettungsfalle eine Verkrüppelung nicht ausbleibt. Kunstgeübt sind unsre Reformer allerdings — das muß man ihnen eingestehen. In der Manier der Taschenspieler ziehen sie aus Thora und Talmud dasjenige hervor, was sie heimlich hinetngelegt und rufen dabet dem schaulustigen überraschten Publikum mit täuschender Freude zu: ״Sehet, das ist neu!" — In ihrem künstlerischen Interesse liegt es, die mündliche Erklärung der Gesetze, wie sie der Talmud gibt, zu verwerfen. Diese ist ja alt, uralt (noch älter als die geschriebene Lehre, wie der scharfsinnige Verfasser dieser Monatschrift einmal sich ausgesprochen); das taugt nicht mehr-für die Neuzeit. ״Es lebe die Reform, Hoch der Erleichterung, abermals hoch der Freiheit!" schallt es von verschiedenen Seiten ihnen freudig entgegen, ohne;u erwägen, ob die Reform eine berechtigte, die Erreich-