Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1864)
- Article
- Der moderne Rabbinismus
- Date
- 1864-05-01
- Page
- 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Der moderne Nabbmjsmus. und das eigentliche Wesen unserer Religion ausmacht, gegen einigen werthlosen Trödel von leeren Aeußcrlichkeiten nnd hohlen Förmlichkeiten ausgetauscht. Diese שועלים קטנים המחבלים כרמים, diese kleinen Füchse, die den Weinberg des Herrn verwüsten, diese Insekten, die an dem frischen, lebenskräftigen, wurzelstarken, ästereichen Lebensbäum der Religion zu nagen sich erkühnen, haben aus dem Gottesdienste die erhebende Innigkeit, die weihevolle Inbrunst verbannt, und anstatt derer eitlen Tand und Flitter, leeres Schaugepränge und schales Formwerk eingeführt. Sie haben anstatt eines ruhigen und anstandsvollen Cultnö — einen Cultus der Ruhe und des Anstandes geschaffen! Sie haben die Thora ans Israel verdrängt; י לא מצאה היוגה מנוח לכף מלה, und die scheue Zionstaube findet keinen Ruheplatz für den Ballen ihres Fußes! Sie haben die jüdische Gesetzlehre in einen abgeschmackten Katechismus und den mühevollen heiligen Rabbtnenberuf — in ein Harmloses gemüthliches Pastorenleben verwandelt. — Welch' ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Leben der alten Nabbinen und dem der modernen! Jene lebten in der Religion und für die Religion; diese leben im irdischen Genießen und für's irdische Genießen. Die armen Altrabbinen hatten ein gar hartes irdisches LooS. Sie haben in aufopfernder Berusstreue ihr ganzes Dasein der Religionsübung und dem Gesehesstudium geweiht. Sie haben mit eisernem Fleiße die im Lapidarsthl geschriebene Thora erklärt, erläutert und zum mundgerechten Etgenthum der Gesammtnation gemacht; fie haben im Schweiße ihres Angesichtes aus dem weiten Felde der talmudtschen Wissenschaft unverwischbare tiefe Furchen gezogen und den umfangreichen Boden der Casuisttk mit allen dessen zahllosen Windungen dun Krümmungen wegsam gemacht und geebnet; und was war ihr irdischer Lohn für alle diese übermenschliche Anstrengung? eine bleibende, tiefgefurchte Denkerstirne. — Wie oft hatten sie mit den drückendsten Nahrungssorgen und Widerwärtigkeiten verschiedener Art zu kämpfen! — Die neuen Rabbinen hingegen haben sich's recht bequem gemacht, und haben ein recht freundlich gestaltetes, heiteres Lebensschicksal. Sie machen mit der Religionsübung einen ganz kurzen Proceß, mit dem Thvrastudium nicht so viel Aufhebens und mit der Berufstreue nicht so viel Federlesens; ihre geistige Anstrengung ist also eine sehr mäßige, und dabei stießen ihnen die Stola-