Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1864)
- Article
- Der moderne Rabbinismus
- Date
- 1864-05-01
- Page
- 281 (sequence 5)
- Language
- German
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Von Dr. Herrmann Lipschitz. 281 gebühren und geistlichen Pfründen so ziemlich reichlich zu, und sie Men einen recht guten frohen Tag. Ein Bischen Suade, gepaart mit einer gewissen Dosis Pastoralklugheit genügen vollkommen, um den modernen Herrn Rabbiner! zum gefeierten, glücklichen Manne zu machen. — Wahrlich es ist höchst interessant, die moderne Rabbinen- und ׳ Rabbinatscandidatenwelt die Revue passiven zu lassen, und gelangt Man allenfalls dadurch zur Ueberzeugung, daß die Fortschrittsbestrcbungen des modernen Israels, da wo die Religion der Schauplatz ihres Auftretens und Wirkens war, nicht nur an traurigen, sondern auch an höchst possierlichen Folgen überreich sind. — In unserer modernen aufgeklärten Zeit geht das Rabbinerwerden ganz anders als in der frühcrn Zeit des crassen Obskurantismus. Jetzt ist es nickt mehr nöthig, die mühevollen tiefeu Studien auf dem Gebiete der talmudischen Wissenschaft mit sittlichem Ernste, hingebcnder Liebe und glücklichem Erfolge absolvirt zu haben, um zur Bekleidung eines Nabbinates fähig zu sein, sondern ein mäßiger Borrath von den bis zum Ekel abgedroschenen Kanzelphrasen und breitgetretenen rhetorischen Gemeinplätzen wie von den allgemein courstrcnden hermeneutischen Novitäten, und, wenn es hoch geht, einige lateinische Brocken dazu, reichen vollständig hin, um ohne Scheu als Rabbinatsaspirant öffentlich aufzutreten. — Der alte Schlendrian, die Zulässigkeit zum Rabbinate vom Besitze einer Hatarah — testimonium maturitatis — von einer anerkannten talmudischen Autorität abhängig zu machen, entspricht nicht mehr dem Geiste unserer Zeit. Das roch auch so ganz und gar nach dem Mittelalter. — Ein Zeugniß von einem, in der Gesellschaft obscuren jüdischen Schriftgelehrten, ohne Orden und Würden, ohne Diplom und Mitgliedschaft auch nur einer einzigen gelehrten Gesellschaft; bei Leibe! Das ist keinen Pfifferling Werth. — Wer in der Jetztzeit Rabbiner werden will, der muß dazu von einer staatlich anerkannten uichtjüdischen Hochschule autorisirt sein. Das klingt schon ganz anders; das läßt sich schon anhören; das ist schön und modern; das ist imponirend und ehrfurchtgebietend. Welch' ein Verhältniß; die armseliche Hatarah, und das pomphafte Doctordiplvm! — Wahrlich, diese herrliche Errungenschaft der Neuzeit ist ein wahres Glück für die Gemeinden. — Aber ein noch bei weitem größeres Glück für die Herren Rabbinatscandidaten.