Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 6 (März 1864)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1864-03-01
- Page
- 212 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Von S . . . seitdem datnit gespielt, bis er es heute Morgen verloren," ׳ erklärte die Wärterin. Amelie loste das Bild seines Vaters von der Kette und gab es dem Kleinen, der so befriedigt ihr gern sein Spielzeug überlies;; dieses aber befestigte sie nun an ihrem Halse. Man hatte die Stadt erreicht und stieg aus. Doch wie erstaunte die Dienerin, als sie sah, daß ihre Herrin, statt wie sonst der gräflichen Equipage, heute einem einfachen Droschkenkutscher winkte und diesem ein Hotel nannte, wohin sie ihm zu fahren befahl. — Hier ließ sie das Kind mit seiner Wärterin und begab sich dann allein zur Wohnung ihres Vaters, nur wenige Schritte davon entfernt. Zitternd zog sie die Schelle. Ein Diener öffnete und mit etner Stimme, der sie vergebens Festigkeit zu leihen suchte, fragte sie ob Herr Werner zu Hanse. Als dieses bejaht worden, ließ sie ein Goldstück in die Hand des Oeffnenden gleiten und ersuchte ihn, sie zu seinem Herrn zu führen,, doch ohne sie zu melden. Erstaunt gehorchte dieser und Amelie befand sich vor dem Zimmer ihres Vaters. Sie zitterte so heftig, daß der Diener sie stützen wollte. Doch sie winkte ihm zurück. Leise klopfte sie an, und auf das ״Herein" vermochte sie nur mühsam die Thüre zu offnen. Doch es gelang, und seit vier Jahren zum ersten Mal stand sie vor ihrem Vater. Sie glaubte umsinken zu müssen und hielt sich an die Pfosten. Verwundert betrachtete sie Werner und frug höflich nach ihrem Begehren. Langsam schlug sie den Schleier zurück. — ״Aurelie!" rief Werner mit dem Ausdruck der freudigsten Ueberraschung. Doch im Nu schwand dieser, sein Antlitz nahm die Farbe des Mar-- mors an und wurde kalt und ehern. ״WaS führt die Gräfin H. in meine Wohnung?" fragte er rauh. ״Vater!" rief Amelie flehend. ״Ich bin nicht Vater der Gräfin H.!" schrie er zornig. ״And bin ich denn Gräfin H.?" fragte Amelie leise und senkte bebend den Blick zu Boden. ״Nur die Gattin des Grafen ist Gräsin, und Du hast es mir ja gesagt, Vater, ich könnte nie und nimmer seine Gattin werden." Werner preßte die Hand auf's Herz und seufzte schmerzlich. ״Vater", fuhr Amelie bittend aber kaum hörbar fort, ״ich habe gesündigt, habe schwer gefrevelt, aber ich bereue, bereue ernst und wahr. O, nimm mich wieder auf, Vater,