Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 6 (März 1864)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1864-03-01
- Page
- 211 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Gegenwart. II. 211 gelähmt. Es war Werners Mutter und am Versöhnungstag war sie gestorben. — Deutlich trat Aurelie dieser Tag vor Augen; die Großmutter hatte sich nicht schwächer gefühlt alö gewöhnlich, und als ihr Sohn, nachdem sie ihm den mütterlichen Festessegcn ertheilt, sich in die Synagoge begeben hatte, da legte sic die welken Hände auch segnend aus der Enkelin Haupt und indem sie eS schmerzlich beklagte, den heiligen Tag nicht auch im Gotteshause begehen zu können, versuchte sie cs, der lauschenden Kleinen die hohe ernste Bedeutung des heiligsten Tages zu erklären. — Noch glaubte Aurelie sie zu hören, die Worte der frommen Greisin, die so lange ihrem Gedächtniß entschwunden. — Von der Allbarmhcrzigkeit Gottes, die dem reuigen Sünder verzeiht, und daß kein Mensch so tief gesunken, daß Gott seine wirkliche Neue, seine wahrhafte Buße verwerfe. Und je lebhafter ihre Erinnerungen wurden, je ruhiger ward's in ihrem Herzen und doch pochte es immer lauter und immer stürmischer. — Neu erwachte die Hoffnung in ihrem Busen. ״£>!" rief sie, ״so wäre auch ich vielleicht noch nicht verloren, könnte auch ich zurück noch kehren. O Gott! dürfte auch ich dich einst meinen Gott noch nennen!" Sie hob die Hände zum Himmel, sank dann mit dem Antlitz zur Erde, und weinte lange. Doch ruhig war sie, als sie sich endlich wieder erhob, denn ihr Entschluß war gefaßt. Sie rief ihrer Dienerin und theilte ihr mit, daß der Graf in der Residenz sie erwarte, daß sie und ihr Kind ihn nach Wbegleiten würden und befahl dann der Wärterin sich bereit zu halten, noch am Abende B. zu verlassen. Wohl schüttelte die Dienerschaft die Köpfe und flüsterte, es wäre wohl Eifersucht, die die Frau Gräfin dem Grafen nachtretbe, aber ihre Befehle wurden pünktlichst vollzogen. Es dunkelte bereits, als Aurelie nur von ihrem Kinde und dessen Wärterin begleitet, B. verließ. Absichtlich hatte sie diese späte Stunde gewählt. Dicht verschleiert und in dunklen Gewändern gehüllt, hoffte sie jetzt weniger leicht erkannt zu werden. O, wie hob sich ihr Busen so bange, von Furcht und von Hoffnung erfüllt. — Das Medaillon mit den weißen Haaren war in ihrer Hand und fast unbewußt drückte sie es an ihre Lippen. ״Mein, mein!" rief daS Kind und streckte die Händchen darnach aus. ״Der Kleine fand es vor einiger Zeit tu dem Zimmer der Frau Gräfin und hat