Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 6 (März 1864)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1864-03-01
- Page
- 210 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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!20 Don S . . . im Nu ein krachender Donnerschlag folgte, da benahmen die stets wachsenden Gewissensqualen für den Augenblick ihr den Verstand, die Stimme des strafenden Weltenrichters glaubte sie zu hören, wähnte sich vernichtet — und mit einem lauten Angstschrei brach sie zusammen. So fand sie ihre Kammerfrau, die bei dem ausbrechenden Ge- Witter ihre Herrin vermißt, und da sie sich erinnerte, sie im Garten gesehen zu haben, diese aufzusuchen kam. Willig ließ sich die Halbohnmächtige zurück in die Wohnung geleiten, sie war wie betäubt, aber die Betäubung that ihr wohl; denn sie ließ sic an sich selber vergessen. Die Dienerin half ihr, sich auf's Canapee niederlegen, und als sie sah, daß die Gräfin die Augen schloß, hielt sie die Erschöpfung für Schlummer und schlich leise in's Vorzimmer. Aurelte aber schlief nicht, im Gcgenthcil, ihre Besinnung kehrte zurück und mit ihr all' ihr Elend. So matt sie sich auch fühlte, sie vermochte nicht zu ruhen; von selbst öffneten sich ihre Augen, ungestüm erhob sie sich und durchwanderte mit hastigen wankenden Schritten das Gemach. Da sielen ihre Blicke plötzlich auf einen kleinen funkelnden Gegenstand am Boden. Mechanisch bückte sie sich nieder um ihn anfzuheben, und ein Laut der Ueberraschnng entfuhr ihren Lippen. Es war ein kleines zierlich gearbeitetes Medaillon, das ein spärlichcs Löckchen von silberweißen Haaren umschloß. Viele Jahre hatte Aurelte es getragen, und erst seitdem sie Gräfin H. war hatte es einem andern mit dem Bilde des Grafen weichen müssen. Lange war es von Anrclie nicht beachtet worden; auch jetzt wußte sie nicht, wie so es hierher kam; sie fragte auch nicht darnach, sie stand nur da und betrachtete es. — Und dunkle längst schlummernde Erinnerangen erwachten in ihrem Innern. — Wenige Tage vor ihrem Tode hatte ihre Großmutter, deren Haare es enthielt, dieses Medatllon ihr umgehängt; mit kindlicher Pietät hatte sie es stets getragen, und je länger sic es nun betrachtete, desto lebhafter fühlte sie sich zurückversetzt in die Jahre ihrer Kindheit. — Als kleines kaum achtjähriges Mädchen, sah sie sich zu den Füßen einer alten achtzigjährigen Frau. — Aber diese Frau war so freundlich, so milde, war stets heiter, obgleich stets leidend; nie, nie sah die Kleine sie den hohen Lehnsessel verlassen, denn schon seit Jahren war sie