Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 6 (März 1864)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1864-03-01
- Page
- 209 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Auö der Gegenwart. II. 209 lachend, ״das würde mir in der That schwer fallen , hat er mir doch selbst gesagt, ich könnte gleichfalls lieben, wen ich wollte; nur öffentlichen Skandal möchte ich vermeiden; sonst wäre ihm alles recht." Sie schlug die Hände vor ihr glühendes, schmerzzuüendes Antlitz nnd stöhnte laut. ״Und das mir, mir, der Mutter seines Kindes, seiner Gat—" Sie konnte nicht ausreden, wieder tönten jene Worte ihres Vaters in ihren Ohren. ״O mein Vater, o mein Vater!" schluchzte sie. Beleidigt erhob sich Frau Werner. ״Was rufst Du Deinen Vater, hat er nicht auch mich verlassen, wie Ferdinand Dich?" ״Mutter," rief Aurelie, ״vergleiche meinen edlen Vater nicht mit dem Elenden, der mich betrogen." ״So geh' zu Deinem edlen Vater und suche bei ihm Hilfe und Trost", erwiderte zornig Frau Werner und verließ hastigen Schrittes den Garten. Und wieder war Aurelie allein, ganz allc.in in dem herrlichen Garten. ״Trost, Hilfe," jammerte sie halblaut vor sich hin, ״o, mir ist nicht zu helfen, kein Mensch kann mir helfen, hilf Du mir Gott! o laß mich sterben! — und flehend blickte sie zum Himmel. Doch plötzlich zuckte sie zusammen, ״zu wem flehe-ich denn, zu Gott — o er wird mir nicht helfen, zu schwer, zu schrecklich habe ich gegen ihn gcfrevelt. — Doch um was habe ich denn gefleht?" fuhr sie zitternd fort, und eine entsetzliche Angst erfaßte ihr Herz, ,;11m: den Tod, den Tod? — Nein, nein ich will nicht sterben, nein, nein, nein! —Das Leben ist fürchterlich, aber der Tod noch viel grauenhafter hat doch mein Vater es mir gesagt, daß mit dem Schritt, dem ich gethan, ich das ewige Heil meiner Seele verwirkt." —- Eine erdfahle Blässe überzog ihr Gesicht und wie im Fiebcrfrost schlugen ihre Zähne aneinander. ״O, o!" rief sie und rang in namcnloser Qual die Hände, ״wohin soll ich mich wenden, zu wem soll ich beten? mein Vater hat mir geflucht und Gott mich der- Worten." — bind immer schrecklicher ward ihre Angst, immer größer ihre Verzweiflung. An dieser furchtbaren Aufregung hatte sie nicht bemerkt, daß der Himmel längst sich mit schwarzen Wolken überzogen, nicht einmal bemerkt,, daß der Regen schon in großen Tropfen fiel; als daher mit einem Mal ein flammender Blitz die- Luft durchzuckte, dem