Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 6 (März 1864)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1864-03-01
- Page
- 207 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Gegenwart- H- 207 fürchterlichen Scene zwischen dem gräflichen Paare, in der sie sich gegenseitig die Opfer vorwarfen, die sie einander gebracht haben wollten. Wohl hatten Beide viel geopfert, denn sie hatten einander heiß und glühend geliebt, aber diese Liebe war keine wahre, war nur eine Art Egoismus gewesen, sie hatten geopfert um glücklich zu sein, nicht um glücklich zu machen. Seitdem nun der Gras sich erkannt wußte, da horte alle Verstcllnng, die ihm doch noch manche Rücksicht abgenöthigt hatte, auf. Frei und offen ging er seinen Ausschweifungen nach. Die Tänzerin mußte bald einer anderen Geliebten weichen, diese wieder einer, und um sein Kind oder dessen Mutter bekümmerte er sich gar nicht. Und allein, ganz allein befand sich nun Aurelie in ihren Prunkgemächern, mit dem wilden Schmerz einer Verlassenen in ihrer Brust. Von ihren srühern Freunden hatte theilö des Grafen Stolz, thetls ihr eigener sie entfernt, und in ihrem neuen Kreise hatte sie nur Bekanntschaften, keine Freundschaften geschlossen. — Und wenn sie die Gleichgültigkeit des Vaters gegen sein Kind betrachtete, da gedachte sie all' der Liebe, die ihr Vater ihr stets erwiesen, und wie hatte sie diese vergolten! — Bittere, bittere Reue durchwühlte ihr Herz. Und je mehr sie sich vernachlässigt fühlte, um so öfter glaubte sie die Worte ihres Vaters zu hören: ״keine Macht der Erde kann eine Jüdin je zur Gattin eines Christen machen." ״Und ich wäre also nichts Anderes als jene Elenden die ihn mir geraubt", pflegte sic dann anfzuschreien, ״und hätte kein Recht mich zu beklagen" und verzweiflungsvoll wälzte sie sich auf den kostbaren Divans und fand Erleichterung nur in ihren Thränen. Wohl hätte sie wenigstens Gesellschaft an ihrer Mutter finden können, denn Werner hatte sich gleich nach der Taufe seiner Tochter von seiner Gattin getrennt, und doppelt angenehm wäre dieser daher der Aufenthalt bei ihrer gräflichen Tochter gewesen; aber des Grafen Zuvorkommenheit gegen Aureliens Mutter hatte nach der Vermählung gänzlich aufgehvrt. Er hatte sie sogar mit einer Herablassung, einem Stolz behandelt, die den ihrigen tief verletzte. Nur selten besuchte sie daher das H.'sche Palais. Aber ihre Tochter vermißte sie auch nicht, und hätte jetzt am wenigsten Trost bei ihr geutcht; zu spät erkannte sie den Unterschied zwischen der Zärtlichkeit shrer Mutter und der ihres Vaters. * 1s