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Jeschurun · 1864-03-01 · Heft 6 (März 1864) · p. 206

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1863-1864)
Issue
Heft 6 (März 1864)
Article
Aus der Gegenwart
Date
1864-03-01
Page
206 (sequence 3)
Language
German
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Don S . 206 Das Mrhältniß der Liebenden hatte schon an Innigkeit verloren, als ihnen ein blühendes Söhnchen bescheert ward, und alle Zärtlichkeit des Grafen erwachte von Neuem für die Mutter seines Kindes. Wieder vergingen einige Monate reinen ungetrübten Glückes, als Aurelie einer Erkältung halber, die sie sich auf einem Maskenkenballe zngezogm, längere Zeit das Zimmer hüten, und daher allen Zerstrcnungen und Vergnügungen , die bisher ihre gemeinschaftlichc Hauptbeschäftigung ausgemacht , für einige Zeit entsagen mußte. Doch, da ihr Unwohlsein nichts Bedenkliches hatte, sah der Graf keine Veranlassung, diese zu meiden und fand bald einen neuen Reiz darin, sie allein zu genießen. Ungehindert konnte er nun nicht nur die Kreise, die er Anstands halber in Gesellschaft derjenigen, die er seine Gattin nannte, hatte meiden müssen, besuchen, sondern auch manche Häuser des höchsten Adels, die sich geweigert hatten, die Tochter des jüdischen Banqniers selbst als Gräfin H. zu empfangen, die aber dem liebenswürdigen jungen Aristokraten allein mit der zuvorkommendsten Höflichkeit begegneten. So viele Annehmlichfeiten ihm jedoch die letzteren boten, so zogen ihn die elfteren noch weit mehr an. Mit gierigen Zügen genoß er die Freiheit, die die Abwesenheit Aureliens ihm gewährte und stürzte sich hinein in einen Strudel der wildesten Freuden, knüpfte ein Liebesverhältniß mit einer schonen Ballettänzerin, das an Leidenschaftlichkeit täglich wuchs, und sank immer tiefer in Ausschweifungen der üppigsten Art. Als nun aber Aurelie wieder genesen und wieder Theil nehmen wollte an den sogenannten Freuden der Welt, da wußte erste durch allerlei Vorspiegelungen theils zu Hause zu halten,!Heils ließ er sie in Gesellschaften allein. Tief und schmerzlich empfand Aurelie diese Veränderung. Doch dieses war nur der Anfang, bald vergingen Tage, in denen sie des Grafen nicht ansichtig wurde, und auch sein Verhältntß zur Tänzerin konnte ihr nicht lange verborgen bleiben. Wie eine wüthcude Löwin sprang sie auf bei der ersten Kunde von der Untreue desjenigen, für den sie so viel geopfert. Das also war der Mann, um dessen willen sie den Fluch ihres Vaters auf sich geladen — sie stürzte hinein in sein Zimmer und fand ihn dort vor dem Bilde jener Tänzerin. — Es kam zu einer

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