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Jeschurun · 1864-03-01 · Heft 6 (März 1864) · p. 205

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1863-1864)
Issue
Heft 6 (März 1864)
Article
Aus der Gegenwart
Date
1864-03-01
Page
205 (sequence 2)
Language
German
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Aus ict Gegenwart. II. 20,5 die sie mir gebracht, daß die jüdische Banquierstochter sich herabgelassen, Gräfin H. zu werden. Ich müßte lachen, wenn's nur nicht mir selber gälte. Aber die Welt wird's thun, denn Aurelie zeigt ihre Eifersucht zuweilen gar zu offen. Armer Gras, sagte gestern Comtesse B., indem sie sich den Anschein gab, als bemitleide sie mich, weil ich meine Gemalin nicht zum Hosballe führen kann- Und es ist etwas Entsetzliches, bemitleidenswerth auch nur zu scheinen. Ich weiß zwar wohl, daß sie es nur sagte, um mich zu ärgern, weil sie es mir noch immer nicht vergeben kann, daß ich ihre häßliche pockennarbige Tochter nicht geheirathet, und gescheidter wäre es gewiß gewesen, hätte ich sie genommen; denn die Familie B. gehört zu den ältesten im Reiche, und es ist etwas Eigenthümltches um Frauengesichter; die schönen erscheinen uns mit jedem Tage alltäglicher und darum fader und langweiliger, und häusig gerade in denen, die man fast häßlich nennen könnte, entdecken wir mit der Zeit manche Reize, und nach und nach entschwindet die Häßlichkeit unserm Auge ganz.. Meine kleine Pauline ist zwar nicht halb so schön als Aurelie; aber für jetzt ist sie mir tausendmal lieber. Schön ist Aurelie noch, das muß man ihr lassen, aber entsetzlich langweilig ist sie auch. Und diese monströse Sentimentalität! wenn ich eine Viertelstunde bei ihr bin, treibt's mich von ihr fort." -- Einsam saß daher Aurelie in der Laube, in welcher sie vor vier Jahren die glühendsten Schwüre des Geliebten empfangen. Jeder Baum, jeder Strauch erweckte die Sehnsucht nach dem entschwundenen Glücke ans's Neue. Trübe sinnend saß sie da und vor ihrem Innern Auge zogen sie vorüber diese vier verflossenen Jahre- — O, wie war sie so glücklich gewesen in den ersten Jahren an des, Grafen Seite, wo nur ihr Glück das Ziel seines Strebens schien. Aber selbst in den Zeiten dieser Wonne hatte das Bild ihres Vaters, wie , sie ihn zuletzt gesehen, sie oft geschreckt, und in ihren Träumen hatte sie seinen Fluch zu hören geglaubt. Angstvoll schrie sie dann auf; doch wenn der Graf anfangs in zärtlicher Besorgniß nach dem Grund ihres Schreckens forschte, und mit bebenden Lippen sie ihn berichtete, da fand sie statt liebevoller Thetl-- nähme nur verhaltenen Zorn. Daß eine Gräfin H. um den Fluch eines jüdischen Banquiers sich kümmern sollte, das wurmte den Stolz des hochmuthigen Grafen. 1s

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