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Jeschurun · 1863-12-01 · Heft 3 (Dezember 1863) · p. 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1863-1864)
Issue
Heft 3 (Dezember 1863)
Article
Aus der Gegenwart
Date
1863-12-01
Page
86 (sequence 7)
Language
German
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Aus der Gegenwart. II. 68 nur Rosen geboten, doch du warst ja von jeher mein muthiges Mädchen und wirst nicht erschrecken, reicht es dir auch Dornen." ״Doch wozu sich Dornen schaffen wo keine sind, das Glück lächelt mir ja mehr als je; Ferdinand bietet mir seine Hand, warum die meine ihm versagen?" ״Warum?" rief Werner voll Erstaunen, ״das könntest dufragen? — Weil er ein Christ ist", fügte er, sie fest anblickend, langsam hinzu. ״Aber ich wäre doch nicht die erste Jüdin die dem Christenthume sich zngewendet", sagte Aurelie kaum hörbar. ״Aurelie," schrie ihr Vater entsetzt, ״habe ich recht gehört? Den Glauben deiner Väter wolltest du —" ״Für den meines Gatten vertauschen," unterbrach ihn Aurelie entschlossen. Leichenblässe überzog Werners Gesicht. ״Du weißt nicht was du sprichst. Du sprichst im Fieber, Kind, deine Liebe hat dich krank gemacht." ״Was habe ich denn so Entsetzliches gesagt", fuhr seine Tochter immer kühner werdend fort, ״daß ich die Rosen pstücken will, wo sie mir blühen, und die Dornen nimmer suche. Sieh Vater! ich bin so jung; die schönsten Jahre liegen vor mir, ich kann.nur leden im Glücke, o laß mich glücklich sein Vater! laß mich leben! Schmerzgebeugt saß Werner da, den Kopf auf die Hand gestützt schien er seine Tochter kaum gehört zu haben. ״Leben, leben ja das sollst du" sprach er tonlos, ״denn nur nach dem Willen des Höchsten leben, heißt ja leben." ״Also du willigst ein", jauchzte Aurelie, ״ich wußte es ja, mein Vater würde sein Kind nicht unglücklich machen wollen." Werner schien aus einem Traum zu erwachen, ״Nein ich will dich nicht un- . glücklich machen" sprach er fest, ״darum werde ich auch nie und nimmer es zugeben, daß du unfern heiligen Glauben verleugnest." Aurelie erblaßte, aber ihr Muth wuchs. ״Was verleugne ich denn wenn ich Christin werde; wo ist der große Unterschied zwischen demJuden- und dem Christenthum? Der jüdische Katechismus scheint dem christlichen nur nachgeschrieben, und lange bevor ich konfirmirt wurde, war mir aus dem meiner christlichen Schulgenossinnen alles Hohe und Edle bekannt, was der jüdische enhält."

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