Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1863)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1863-12-01
- Page
- 87 (sequence 8)
- Language
- German
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Mächtig arbeitete es in Werners Brnst doch er wollte seine Tochter ganz ausrcden lassen. ״Und unsere hebräischen Gebete," fuhr diese fort, ״kann Gebete man sie nennen? Wohl habe ich sie gebetet, Vater, weil du es wünschtest; aber heißt das beten, Worte aussprechen von deren Sinn man keine Ahnung hat? kann das Gott wohlgefällig sein? Das einzige wirkliche Gebetbuch, das in deutscher Sprache, das ich zur Konfirmation erhielt, enthält wieder nur Gebete, die ganz den christlichen gleichen; und was lehrt denn der Prediger im Tempel anderes? — Also was gebe ich auf, wenn ich das Judenthum aufgebe? — Vielleicht die Sabbath- und Speisegesetze?" fügte sie spöttisch lächelnd hinzu, ״die selige Großmutter hat sie gehalten und wir halten sie zwar auch; aber wie oft sehe ich nicht die Mutter sie belächeln und Manches übertreten, waS der Großmutter als Heiligstes galt. Du, Vater, bist gewiß der Einzige unter allen Gebildeten, der diese abergläubischen —" ״Halt ein!" rief Werner, der sich nicht länger halten konnte ״lästere weiter nicht. Schwer lastet zwar der Vorwurf auf mir, daß dir unsere heilige Religion nicht besser bekannt ist; doch jetzt ist nicht Zeit darüber zu klagen. Höre mich au, Aurelie, wie ich dir zugehört. Wohl gleichen die Lehren der Menschlichkeit und Moral des Christenthums denen des Judenthums, denn aus ihm stammen sie ja. Alles Hehre und Edle, das das Ehristenthum enthält, dem Judenthum ward es entnommen, die Psalmen die man in den Kirchen singt, jüdische Dichter haben sie gesungen. Jeder erhabene Gedanke —" ״Also was thut's," fiel Aurelie lächelnd ein, ״ob ich dieselbe Waare aus der ersten Hand kaufe oder aus der zweiten?" Schmerzlich zuckte es um Werners Lippen: ״ich bat dich, mich anzuhvren und du unterbrichst mich. Doch, um bet dem Vergleich zu bleiben, den ich freilich aus meiner Tochter Munde nie erwartet, weißt du nicht, daß die Waare die man aus der zweiten Hand kauft, nie so rein ist wie dieselbe aus der ersten? Und kennst du den Preis, den du zahlen mußt, kaufst du diese Waare aus der zweiten? — Es ist das ewige Heil deiner Seele." — Er sprach die letzten Worte mit so tiefem Ernst, daß Aurelie unwillkürlich sich dadurch erschüttert fühlte. ״Wohl kannst du dem Judenthum abtrün-- nig werden, doch Jüdin bleibst du, Christin wirst du nimmer."