Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1863)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1863-12-01
- Page
- 84 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Aus der Gegenwart. II. dieses vergebens, dann Amelie bindet Kindespflicht Dich nicht mehr, kein Vater hat das Recht seines KindeS Lebe» zu fordern. Frei und offen mußt Du dann erklären, daß Du meinen Glauben zu dem Deinen machen willst, frei und offen darfst Du's auch erklären, denn das Gesetz schützt Dich. Hat aber nur erst das Weihwasser Deine Locken berührt, so vereint gleich der Priester unsere Hände am Altare. Und nun lebe wohl meine Geliebte, von dieser Stunde an meine Braut. Morgen in der Mittagsstunde wird die kleine Botin Deiner Antwort harren. Nochmals Adieu! In treuer Liebe dein Ferdinand von H." Lange noch blickte Aurelie in das Blatt in ihrer Hand. Längst schon hatten dunkle Wolken das Licht des Mondes ihr entzogen und die Worte vor ihr unleserlich gemacht, aber im Geiste las sie sie wieder und immer wieder. Nie geahnte Gedanken und Gefühle durchwogten ihren Busen. Alles, was der Graf über ihre Liebe geschrieben hatte, empfand sic tief im Innersten ihres Herzens, und sie jauchzte auf bet dem Gedanken, ihm zum Altäre zu folgen. Ein Leichtes wäre ihr auch die Taufe gewesen, aber ohne Einwilligung, ja gegen den ausdrücklichen Willen ihres Vaters, ihres Vaters, den sie bis jetzt über Alles geliebt und verehrt hatte, durfte, konnte sie das? Zwar fühlte sie, wie der Graf, daß ein Vater kein Recht habe, das Leben seines Kindes zu fordern, und da sie ohne den Geliebten nicht leben zu können glaubte, so sprach ihr Pflichtgefühl sie frei von kindlichem Gehorsam; aber noch sprach die Kindesliebe zu machttg in ihrem Herzen. Bitten wollte sie ihren Vater, zu seinen Füßen um seine Einwilligung flehen, sollte er im Stande sein sie ihr zu versagen? Sie wußte ja, wie thcuer sie ihm war, ihr Unglück konnte er nicht wollen. Mit dieser Hoffnung im Herzen begab sie sich endlich zur Ruhe. Werner hatte gefühlt, daß sein Anblick seiner Tochter peinlich sein müsse, und als er daher vernommen sie sei in ihrem Zimmer, hatte er für diesen Abend nicht weiter nach ihr gefragt. Die Frühstücksstunde führte die Familie wieder zusammen. Schüchtern betrat Anrelie das Zimmer, aber ihr-Vater kam ihr freundlich entgegen Und drückte einen Küß ans ihre Stirn, sie ergriff seine Hand und Preßte -sic an ihre Lippen. Liebevoll ruhten seine Blicke aus ihr, und es gelang ihm endlich ein unbefangenes