Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1863-12-01 · Heft 3 (Dezember 1863) · p. 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1863-1864)
Issue
Heft 3 (Dezember 1863)
Article
Aus der Gegenwart
Date
1863-12-01
Page
83 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2932754-2932933-2932937-2948420--08683-2948455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mädchens gleiten, die die ihre dankend küßte und sich leise eiligst entfernte. Sobald sie sich allein sah, eilte Aurelie zum Fenster, um beim Scheine des hellleuchtenden Mondes das empfangene Briefchen zu lesen. Stürmisch pochte ihr Herz und ihre Hand zitterte, sie preßte es an ihre Lippen und erst dann las sie folgende Zeilen. ״Aurelie, Geliebte! Dies ist der erste Brief den ich an Dich schreibe, und der erste Brief sollte etwas Heiliges, Wonnevolles sein. Aber ist dieses möglich, da ich dich in Thränen sehe? ist dieses möglich nach den Worten die ich vernommen? — Von meinem Fenster aus sehe ich in Dein Zimmer, sehe deine holde Gestalt unter Schluchzen erbeben. O Aurelie, weine nicht, jede Deiner Thränen fällt wie ein glühender Tropfen auf mein Herz, und ich möchte so gerne ruhig zu dir reden. — Wie habe ich gehofft auf Deines Vaters Ankunft, denn nur aus seinen Händen wünschte ich meine Braut zu empfangen, darum schwieg ich auch gegen dich bis jetzt. Und so empfangen, so abgewiesen zu werden! —Doch fasse Muth Geliebte, eher kann man der Löwin ihre Jungen entreißen, als dich mir. Und hat denn Dein Vater, ein Recht, mir Deine Hand zu weigern? Wenn er in unglückseliger Verblendung Dir befiehlt, den Dolch Dir ins Herz zu stoßen, darfst Du gehorchen? und ist es weniger als ein Dolch, den er Dir reicht, wenn er Dich meinem Herzen entreißt? — Denn Aurelie, ich lese in Deinem Herzen, wie in dem meinen, Du liebst mich heiß und glühend wie ich Dich, Du kannst nicht ohne mich leben. Selbst- und Doppelmord würdest Du begehen, wolltest du dem Befehle Deines Vaters folgen. — Und warum dieses Alles? warum? weil Du Jüdin bist und ich Christ? — O Aurelie, glaube mir in Deinem Herzen bist auch du mehr Christin als Jüdin. ״Gott ist die Liebe" lehrt unsere Religion und die Liebe ist auch Deine Religion. Schaue dich um in der Natur, Nichts ist umsonst, jedes Atom hat seinen Zweck, und könntest du glauben, zwecklos habe Er dieses mächtigste der Gefühle in unsere Herzen gepflanzt? Und was des Schöpfers Hand gepflanzt, das dürsten Menschen vernichten? — Und nun Geliebte, höre mich an, zwar habe ich zu Deinem Vater gefleht, gefleht zu ihm wie noch zu keinem Menschen, allein umsonst. — Doch ehe wir nun zum Aeußerstcn schreiten, versuche auch Du noch Dein Möglichstes; vielleicht, daß seiner Tochter Worte, daß ihre Thränen den starren Sinn zu beugen vermögen. Ist aber auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.