Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 2 (November 1863)
- Article
- Worte, am 18. Oktober 1863 in der Synagoge der israel. Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. gesprochen
- Date
- 1863-11-01
- Page
- 49 (sequence 9)
- Language
- German
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von Rabbiner Samson Raphael Hirsch. 49 Aufruf und dieser Völker-Begeisterung dem göttlichen Rechte wiederum noch nicht die Pforten in Wcrhrheit und dauernd geöffnet? Warum mußte der Gedächtnißtag jener glorreichen Zeit von dem Geiste der Gegenwart nicht nur zu einem Tage der Erinnerung, sondern auch zu einem Tag der Mahnung geweiht werden? Warum weist man eben am heutigen Tage auf die Gräber der damals Gefallenen hin, und mahnt die Fürsten' und Völker daran die Rechnung zu zahlen, die Gelübde zu lösen, die damals vor Gottes Angesicht geleistet wurden? Warum sind auf jene Zeiten der Erschütterung keine Zeiten der inneren Ruhe, des Friedens und Heils gekommen? Warum wissen diese fünfzig Jahre, auf die wir zurückschanen, von noch immer fortwährenden Erschütterungen und Veränderungen, von oft angstvollen Tagen und Jahren zu erzählen? Warum? Weil auch in der Stunde des Aufschwungs Fürsten und Völker für die Wahrheit noch nicht die volle Reife hatten, weil jeder in dem Rechte zunächst nur seinem Rechte huldigte, in der Freiheit nur die eigene Freiheit zu gewinnen dachte, und doch nur Der der Freiheit würdig ist, Der nur auf Recht Anspruch hat, der das Recht und die Freiheit auch im Andern achtet, weil Der nur in seiner vollen Würde als Mensch geadelt zu werden verdient, der diesen Menschenadel selber in jedem Menschen anerkennt. Weit entfernt waren vor fünfzig Jahren noch die Fürsten und Völker von dieser Huldigung des Rechts. Es fürchteten die Fürsten ihre Macht und Würde einzubüßen, wenn sic den Völkern Antheil gaben an der Majestät des Staates. Es hatten die Fürsten noch nicht den Geist des jüdischen Gedankens in sich ausgenommen, dem die Fürsten נשיאים, W olkcn sind, die nur deßhalb von der Erde trinke», um in rückhaltlosem Maße mit dem Empfangenen die spendende Erde zu tränken. Der wahre Fürst ist ein Segen für das Volk: er eint die edelsten Kräfte der Nation und leitet sie befruchtend ans die Saat hin, die eben für die Zukunft reifen soll. Der wahre Fürst will nichts für sich, der wahre Fürst steht, daß nur das Vertrauen und die Liebe des Volkes ihn trägt und nur soviel die Majestät seiner Krone werth ist, als die Völker ihn segnen und als die Hütten der Menschen feine wohlthätige Hand in ihrem tiefsten Innern spüren׳ Zu diesem Bewußtsein waren damals die Fürsten noch nicht herangereift. Es mußten fünfzig Jahre darüber hingehcn bis wir es erst vor wenigen Monaten