Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1863)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1863-10-01
- Page
- 21 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Von S . . - 21 kümmerte es ihn, ob die Sonne schien, in ihm war cS Nacht, düstre schwarze Nacht. — Langsam verstrich die Zeit, als hätte sie Blei an ihren Schwingen. Er fühlte die Gluth des Mittags nicht, ob ihm gleich Wassertropfcn von der Stirne rannen. — Endlich, endlich schlug cs vier, und wenige Minuten darauf hielt der Zug in B. Wie ein Rasender schwang sich Werner aus dem Wagen und stürzte fort der Wohnung seiner Gattin zu. Schweißtriefend und mit Staub bedeckt hatte er diese bald erreicht. Befremdend blickten die Dienstleute ihn an, doch da er nichts fragte, wagten auch )sie nicht ihn anzureden. Er stürzt die Stiegen hinauf, öffnet die Thür I des Wohnzimmers und was er seit gestern im Geiste geschaut, daS hat er nun wirklich vor Augen. — Dort aus dem Cauapee sitzt seine Tochter, das schone Haupt auf die Schulter des Grafen gelehnt und den glühenden LiebeSworten lauschend, die dieser ihr zu- I flüstert. An einem Arbettstischchcn am Fenster aber befindet sich ן Frau Werner, in den vor ihr liegenden Modesournalen ganz verj tieft. — Ein lautes Aechzen entrang sich seiner Brust, j Alle Drei blickten auf. ,,Vater!" ries Aurelie und der Situa-! tion vergessend, in der er sie getroffen, stürzte sie jauchzend auf ihn! zu. Aber seine Arme erhoben sich nicht sie zu umfangen, seine wüthenden Blicke streiften über sie hinweg und trafen bald seine Gattin, bald den Grafen. Dieser fühlte wohl, was das Herz des i Vaters bewegte, und hohe Rothe trat auf seine Wangen. Waren j auch seine Absichten im Anfänge nicht die lautersten gewesen, so j war ihm doch Aurelie, seit er sie näher kennen gelernt, viel zu l theuer geworden, als daß er sich entschließen konnte, sein Glück durch l ihre Schande zu erkaufen. Aber ohne sie glaubte er nicht leben ן zu können, und doch stellten sich einer Verbindung mit ihr gar manj nigfache Hindernisse entgegen, und bis jetzt war ihm noch nicht ge- ן lungen, all seine von Jugend auf gehegten Standes- und Nationsi vorurtheile zu besiegen. Allein der Anblick ihres Vaters, ihres bez leidigwn Vater brachte» den schon in ihm keimenden Entschluß zur ) Reife und mit vollkommen ruhiger Stimme ersuchte er Frau Wer-; net, ihn ihrem Gatten vorzustellen. Doch das vermochte diese nur? stotternd.! Ein peinliches Schweigen herrschte im Zimmer. Werner hatte jj sich auf einen Sessel geworfen, und nach mehreren vergeblichen Ver-