Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1863)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1863-10-01
- Page
- 20 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932933-2932935-2948300--08593-2948339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
20 Äuö der Gegenwart. II. scheint die ganze Welt vergessen zu haben und ist in jüngster Zeit fast unsichtbar geworden." ״Unsichtbar?" ״Allerdings, d. h. man sieht ihn nirgends mehr, man müßte denn zu dem schönen Zudenmädchen gehen, das er von Früh bis Abend nicht verläßt." ״Also eine interessante Liaison?" ״Und zwar eine sehr tntessante. Das Mädchen soll wirklich uäuilrablement belle sein und ebenso geistreich und liebenswürdig als schön. Sie hat dem H. ganz und gar den Kopf verrückt, K., der ihn bei der Frau v. I, die mit seiner Schönen dasselbe Haus bewohnt, etngesührt, versicherte mir so." Werner hatte genug gehört, er war wie betäubt. Alles um ihn her schien sich zu drehen. Er sprang aus, leichenblaß stand er da; das Glas, das er eben zum Munde führen wollte, entglitt sei- »rer zitternden Hand und fiel klirrend zu Boden. Alle Anwesenden blickten zu ihm hin. ״Verzeihung, mein Herr", wandte er sich stammelnd zu dem Herrn der soeben geredet. ״Könnten Sie mir nicht den Namen der Schönen des Grafen H. nennen?" ״Aurelie Werner" war die Antwort, und Alle schauten überrascht auf den seltsamen Mann. Die Glocke tönte, die Passagiere eilten in die Waggons zurück, Mechanisch folgte Werner ihrem Beispiele. In eine Wagcnccke gelehnt, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, saß er da mit wilden Blicken in die Ferne stierend. ״Amelie Werner", murmelten seine blassen Lippen, ״Aurelie Werner", und krampfhaft ballten sich seine Hände. Scheu beobachteten ihn seine Reisegefährten. Er bemerkte es nicht, daß sie bet dem nächsten Anhaltspunkt dein Conducteure winkten, mit diesem, auf ihn deutend, flüsterten und Einer nach dem Andern das Coupee verließen. — Er war nun allein, ganz allein mit dem bittern Schmerz in der wutherfüllten Brust. Fort brauste der Zug mit Windeseile, aber ihm schien es, als bewege er sich nicht von der Stelle. Noch zwanzig Stunden mußte er warten, bis er B. erreichte, noch zwanzig Stunden, und was dann? — Amelie Werner ״hieß die Schöne des Grafen H." Au׳- rclie Werner! — Und er hatte nur diese einzige Tochter, dieses einzige Kind. — Die Nacht brach herein, er bemerkte es nicht, kein Schlaf senkte sich aus seine Lider, — sie wich dem Tage; doch was