Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1863)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1863-10-01
- Page
- 18 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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18 A«S der Gegenwart. II. Am andern Morgen reiste Werner ab, nachdem ihm seine Gattin noch wiederholt dte feste Versicherung ertheilt hatte, ihrem Versprechen auf's Genauste nachzukommen. Aber dennoch war er unruhig und nahm sich vor, die Seinen sobald als möglich wieder zu sehen. Veranlassung hierzu fand er früher, als er es erwartet, denn gleich nach seiner Ankunft im Comptoir, erhielt er eine Nachricht, die ihn zwang, sich zu einer baldigen Reise auf mehrere Wochen zu entschließen. Es war daher ganz unerwartet, als er am folgenden Tage zu seiner Familie in B... in's Zimmer trat. Frau Werner war sehr überrascht und bedauerte sehr, daß ihr Gatte in diesen heißen Tagen reisen müsse. Dieser fand nun zwar die Hitze nicht so übermäßig, aber seiner aufmerksamen Gattin erschien er dennoch sehr echauffirt und sie befahl die Jalousien zu schließen, um die hereindrtngcnden Sonnenstrahlen abzuhalten. So bald ihre Tochter das Zimmer verlassen hatte, war sie hocherfreut, mit gutem Gewissen ihrem Gatten versichern zu können, ihr Wort buchstäblich gehalten zu haben. Freilich hatte sie es auch nur buchstäblich gehalten, aber ihre Schuld war es doch nicht, daß schon am vorigen Tage die ihr gegenüberliegende Wohnung von dem Grafen H. bezogen worden war, und daß dieser, so lange Aurelie im Hause sich befand, nicht von seinem Fenster wich; bis jetzt hatte sie auch die Sonne durchaus nicht genirt und hatte sie es daher bis jetzt auch für überflüssig gehalten, durch die unfreundlichen Jalousien ihre Zimmer zu verfinstern. Vollkommen beruhigt reiste Werner am Abend von B... ab, um am folgenden Morgen seine größere Reise anzutreten. Es ahnte ihm nicht, daß Graf H. ärgerlich über die herabgelassenen Jalousien, die ihm den Anblick der schönen Aurelie entzogen, sich noch am selben Abend durch einen seiner Bekannten bet einer Frau Werner befreundeten Familie, die sogar im selben Hause mit ihr wohnte, hatte einführen lassen. Daß er durch diese auch bald Aurelien und ihrer Mutter vorgestellt wurde, war sehr natürlich. Im Garten, den beide Familien gemeinschaftlich benutzten, ward Graf H. von nun an Aureliens täglicher Gesellschafter. Und hatte ihn früher ihre Schönheit angezogen, so fesselte ihn nun ihr lebhafter feingebildeter Geist, ihre schwärmerische Bewunderung alles Schönen, ihr ganzes liebliches Wesen und er war bald Aureliens erklärter Ver-