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Jeschurun · 1863-03-01 · Heft 6 (März 1863) · p. 262

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1862-1863)
Issue
Heft 6 (März 1863)
Article
Aus der Gegenwart
Date
1863-03-01
Page
262 (sequence 3)
Language
German
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262 ״Das begreife ich nicht," rief Kohn, ״Männer wie der Commerzienrath, so ernst fromm, so —" ״Ich will Ihnen offen gestehen, daß ich den Commerzienrath kaum erst seit meiner heutigen Unterhaltung mit Ihnen kenne, und noch mehr, daß seine Worte auf mich den Eindruck gemacht, als ob wenigstens er von der Wahrheit derselben durchdrungen wäre. Wie kann ich dieses aber annehmen, wie ist dieses möglich, wenn ich mir seinen zukünftigen Schwiegersohn neben ihm denke?" ״Da haben Sie recht", entgegnete Kohn seufzend, ״darauf kann ich Ihnen nichts erwicdern, weil ich es selbst nicht verstehe. Aber nichts desto weniger ist Beer einer der Religiösesten unserer Gemeinde." ״Arthur von Lilienfeld kenne ich," fuhr der Andere fort, ״und habe ihn immer für einen höchst liebenswürdigen, braven jungen Mann gehalten. Daß er dieses aber auch in den Augen des Herrn Commerzienrath Beer sein kann, und zwar in einem solchen Grade, daß er ihm die Hand seiner einzigen Tochter nicht versagt, das läßt mich das eben Vernommene wie Frömmelet betrachten." ״Da thun Sie 'dem guten Commerzienrath in der That Unrecht." Müller zuckte die Achseln. ״Und Fräulein Beer, welchen religiösen Ansichten huldigt denn sie?" ״Arabella Beer ist eine Perle, mit Herz und Seele Jüdin. Ehe sie dem jungen Lilienfeld ihr Jawort gab, soll sic sich von ihm haben geloben lassen, nicht nur, daß er sie nicht hindern wolle in allen Beziehungen den Anforderungen unserer heiligen Religion zu entsprechen, sondern, daß auch er selbst nie mehr unerlaubte Speisen genießen, noch Sabbath und Festtage entweihen wolle." ״Das ist sehr schön von der jungen Dame, und verräth nebenbei, daß sie ihren Reizen keine geringe Macht zutraut. Daß aber dieses Versprechen auch dem ernst frommen Papa genügt, das würde aus sehr wenig Weltkenntniß schließen lassen, wenn diese nicht aus seiner sonstigen Unterhaltung in hohem Grade hervorleuchtete." ״Und dennoch ist's Beer Ernst, er ist kein Heuchler." ״Ernst könnte es ihm sein, wenn er selbst es veranlaßt, daß, wenn auch vielleicht nicht seine Tochter, so doch sicher dereinst seine Enkel alle Gebräuche und Gesetze, die er für heilig zu halten vorgiebt, verachten werden? — Ich bedauere das junge Mädchen."

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