Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1862-1863)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1863)
- Article
- Aus der Judengasse
- Date
- 1863-01-01
- Page
- 185 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ISS Von St,. Brauch zur Vorfeier deS kommenden Tages versammelt hatte. DaS Brautpaar und deren Eltern nahmen die. Glückwünsche der Kommenden entgegen, und die herzlichste Theilnahme sprach sich auch in den Blicken der Wünschenden aus. Lob befand sich in einem Meer von Wonne, seit Jahren hatte er die Freude dieser Tage im Voraus genossen, denn schon der nächste sollte die zwei Wesen, die ihm nächst seiner Gattin die Thencrsten waren, für's Leben verbinden. Endlich ward aufgetragen. Die Tische bogen sich unter der Last der Schüsseln^ Denn so zahlreich auch die Gesellschaft war, eine dreifach größere hätte nicht hingeretcht all' die Speisen zu bewältigen; sie waren aber auch gar nicht für sie allein bestimmt, sondern unter die Armen der Gemeinde vertheilt zu werden. Auf allen Setten herrschte die fröhlichste Unterhaltung; anch die Verlobten nahmen lebhaft Theil an derselben, waren aber doch innerlich froh als es ihnen nach dem Dankgebete möglich war, sich von den Versammelten ein wenig zurückzuzirhe«. Fern von den Tischen in einer Fensternische standen sie, sie hatten sich so lange nicht gesehen, sie glaubten sich so viel zu sagen zu haben, und waren nun vereint, und standen schweigend da. ״Wie bist du so herrlich anzuschauen, Tirze," flüsterte er endlich, sie mit glü-! henden Augen betrachtend. ״Aber morgen werd' ich's viel weniger sein." ״Wie wär' das möglich?" ״Nun, wenn sie Mir die Haare werden abgeschnitten haben." ״Wirst weinen wettN'S geschieht?" Er blickte sie innig an. ״Weißt Benjamin, daß ich mich beinah' freuen möcht', daß man mein Haar bald nicht mehr sehen wird." ״Darauf freust dich?" ״Ja schau, wenn ich so durch die Gassen geh', da bltkken mich die Männer oft so an, weil sie sagen ich wär' schön; mir treibt's immer das Blut in die Wangen und es ist mir als geschäh' an dir ein Unrecht. Wenn aber von morgen an Mein Haar durch 'ne Haube verhüllt wird, da wird Jedermann wissen, daß ich dir gehör und Keiner wird mich mehr so anschauen —״ Heftig ward die Thüre anfgerissen und mehrere Männer, Entsetzen in den getsterbleichen Zügen, stürzten herein. ״WaS giebt's? Was ist geschehen?" erscholl es aus der bestürzten Versammlung. ״Das Volk dringt in die Judengassen, ein Christenbub' ist abhanden gekommen und sie schreien die Juden hätten ihn gemordet." — Ein Angstschrei entrang sich jeder Brust. — In wenigen Ni-