Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1862-1863)
- Issue
- Heft 2 (November 1862)
- Article
- Zum jüdischen Gemeindeleben
- Date
- 1862-11-01
- Page
- 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Zum jüdische» Gemkindeleben. als zu seinem Ressort gehörig, tragen,, überwachen und leiten, die religiösen Angelegenheiten aber jeder Ktrchengemeinschaft völlig dem Gewissensdtktate und der freien Betheiligung der betreffenden Bekenner überlassen wird. Diese Zeit kommt gewiß, wenn nicht bald, so doch in zehn, wenn nicht in zehn, so dann in zwanzig Jahren, und es thun Alle, denen das religiöse Moment der Menschheit ernst am Herzen liegt, wohl daran, sich bei Zeiten auf diese Zeit vorznbereiten, ihre Bedingungen zu anticiptren, um, wenn fie kommt, ihr mit freudigem Lächeln begegnen zu können. Denn es wird diese Zeit eine Zeit der Erschütterung, des Unterganges für Viele, eine Zeit der Prüfung für Alle, eine Zeit der Läuterung und Kräftigung und Neubelebung aber nur für diejenigen sein, die nicht nur noch ein künstliches Leben fristen, sondern ein lebendiges, frisches, ureigenes, wahrhaftiges Lebenselement in sich tragen. Losgelöst von jeder staatlichen Stutze, nicht mehr vertreten von irgend welchem staatlichen Machtgebot, wird nur das religiöse Moment stark genug sein, einen hingebungsvollen, opferfreudigen Kreis um sich zu vereinigen, dessen Gebot im Herzen seiner Bekenner geschrieben steht. Das wahrhaft Lebensvolle wird sich, fessellos und von allen äußern Rücksichten unverlockt, in ganzer Fülle und Reinheit entfalten und eben in dieser freien Entfaltung Zeugniß von seiner Innern Wahrheit ablegen. Künstliche, uur von äußerer Macht ge» haliene und von äußern Rücksichten getragene Flttterstaatbekenutnisse werden in der freien Luft der Selbstverwaltung verkümmert zusammenbrechen. Vielleicht in keine religiöse Gemeinschaft wird diese sicherlich kommende Zeit eine größere Erschütterung bringen, als in die jübischen Gemeinden. Sind ja in keiner also die allgemeinen religiösen Angelegenheiten ihren natürlichen Trägern gewaltsam entrückt, in keiner also künstlich und geflissentlich das Bewußtsein bei diesen Trägern bis zum Verschwinden eingeschläfert. Nehmen wir die große Zerklüftung in religiösen Dingen noch hinzu, wo einerseits, um die Partetnamen zu gebrauchen, sich Neologen und Orthodoxe gegenüberstehcn, deren Spaltung eine viel tiefere principielle Kluft bildet als zwischen irgend einer der Confessionsverschiedenhetten innerhalb der christlichen Kirche in Wahrheit besteht; dazu die nicht geringe Anzahl der In-