Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 11 (August 1862)
- Article
- Aw
- Date
- 1862-08-01
- Page
- 519 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932905-2932917-2947146--07619-2947172- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Pädagogische Plaudereien. 519 bei dieser Erhabenheit, deren Wesen ausschließlich in der innerlichen Größe wurzelt, eben nur dieses innerliche sittlich und geistig Hohe schwinden, und was eben imponirende Hoheit war, wird nichts als die lächerlichste Prätension, um so lächerlicher, je winziger nnmnehr die rcstgebliebcnen Momente erscheinen, die jene großen und erhadenen Eindrücke und Wirkungen prätendirten. Das sinnliche Auge steht gar keine äußere Veränderungen und nennt daher in seiner Kurzsichtigkeit den Fall vom Erhabenen zum Lächerlichen nur einen Schritt, und weiß nicht welch eiu Koloß, welch eine ganze geistige und sittliche Welt in Wegfall gerathen mußte, ehe das Erhabene zum Lächerlichen sank! Das ist aber eben daö Geschick des Judenthums. Sein erhabeneö, und was es berührt erhebendes und über das Bereich alternder Vergänglichkeit empor tragendes Wesen besteht eben darin, daß es nicht eine ״Religion" ist, die sich mit den ungewöhnlichen, außergewohnlichen Momenten und Zeiten, Bernfsarten und Lebensäußerungen verbindet, die nur jene Momente, wie Wiege und Grab, Entzücken und Verzweiflung, Schmerz und Elend, Feste und Siege, Könige, Priester, Spitäler und Kerker und wie sonstige über das Gewöhnliche hervorragende Erscheinungen des Lebens, die die Men!- schen ״bedeutend" nennen und bei dem sie der Weihe oder des Trostes bedürfen, in ihr Bereich zieht, sondern, daß es eine Gottes- Veranstaltung ist, die das ganze Leben in der ganzen Mannichfaltigkeit seiner alltäglichen und stündlichen Erscheinung umfaßt, und an gar keine in Zeit und Raum zu suchende Voraussetzung gebunden ist, weil sie jedes Gegebene, wie es eben gegeben ist, Gott geweiht, von Gott beachtet, von seinem Willen geregelt und zu seinem Wohlgefallen vollbracht sein läßt, und somit das ganze Leben von dem ersten aufblühenden Kindesbewußtsein bis zum letzten Lebenshauche des scheidenden Greises, mit allem was dazwischen liegt in all seinen Schatttrungcn und Abstufungen, zu einem fortgesetzten und mit jedem Athemzug sich neu vollziehenden Gottesdienste macht. Eben weil sie nicht eine Religion gefirmelter und geweihter Personen und Zeiten ist, eben darum konnte sie die nie alternde Braut des in ewiger Jugend unsterblichen Volkes werden und ist es geworden. Aber eben darum ist der Fall nirgends drohender als bei die- <־em Volke, geht der Proccß geistiger und sittlicher Verwesung nir-