Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1862)
- Article
- Jüdische Welt- und Lebens-Anschauungen
- Date
- 1862-07-01
- Page
- 479 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Welt- und Lebens-Anschauungen. VI. 479 Beachtenswerch dürfte die Eigenthümlichkeit sein, daß קבורת mit האסף',אבחין aber mit עטיו verbunden wird. Den Leib hat der Mensch von seinen Eltern, die Seele von Gott. Die Seelen der Kinder stehn daher mit den Seelen der Eltern auf Einer Linie des Ursprungs zu Gott. Darum kommt der Leib zu seinen Eltern, die Seele aber zu ihren Genossen. ויגוע וימת מאסף• Der Leib stirbt, die Seele wird heimgenommen, beiden voran geht — wie schon das Wort der Weisen bemerkt — beim Tode der Frommen;מיער. Versuchen wir die Bedeutung von גמעה zu ermitteln, so stellt sich uns die Wurzel גוע in Lautverwandtschaft mit גוה (Wurzel von גו ,גוה ,גויה, Körper, lebloser Körper), גבה גבע ,גבה ,גבא, da, die alle eine Ansammlung von Stoff bedeuten, und wagen wir daher die Vcrmuthung, daß גמעה Stoff-Werden, Starr-Werden, Empfindungslos-Werden bedeute — (Vgl. auch קפא) und somit ויגוע וימת besagen würde, vor dem Tode sei die Empfindungslosigkeit für körperliche Schmerzen vorangegangen. Dürften wir hiermit nicht weit von der Wahrheit fallen, so würde dieser Ausdruck höchst bedeutsam in der Geschichte der Sündfluth erscheinen. כל אשר בארץ יגוע lautet das Verhängniß, das aus der Hand des barmherzigen Gottes über alles Lebendige den Vernichtungstod herbeiführte. ויגוע נל בשר lautet der Vollzug dieses Verhängnisses. Wie wohlthuend leuchtet dieses Wort in das mitfühlende Gemüth und erlöst es von dem Grausen des Gedankens einer im Todes- Schmerz verröchelnden Welt! Zur Empfindungslosigkeit erstarren ließ Gott seine Lebendigen ehe Er sie fortlöschte, wie denn überhanp der ganzen Sündfluth-Erzählung nicht der Charakter einer Straf- Vollziehung, sondern vielmehr das Gepräge einer die Zukunft der Menschheit rettenden Gottes-That aufgcdrückt ist. Wie macht dieses einzige יגוע alle die grausen Bilder eines verzweiflungsvolleu Welt- Untergangs zu Schanden, in welchem sich die Phantasie darstellender Kunst in Darstellung der Sündfluth so vielfach ergangen! Wie sehr entspricht diesem Gedanken schon der bloße Name der Sündfluth: מבול, der nichts von Sünde (auch nichts von Sind) und nichts von Fluch enthält, sondern die Vernichtung mit dem gelindesten Namen des welk-, kraftlos-, leblos-werdens (גבל) ausdrückt, und in welch' höherem Lichte erscheint da das: ר׳ למבול ישב, selbst der Sündfluth gegcnüber thronte Gott in ruhiger Waltung weiter, waltete er als König der in alle Ewigkeit sich vollziehenden Zukunft וישב ד׳ מלך לעולם!